Wie können wir Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen?

Wenn wir mit unseren Kindern leben, dann kommen wir zwangsläufig immer wieder in Situationen, die uns herausfordern und die uns vielleicht sogar an unsere Grenzen bringen. In den einschlägigen Facebook-Gruppen lese ich dann oft: „Du musst Verantwortung für dich übernehmen.“ Doch was ist damit überhaupt gemeint und vor allem: Wie gelingt es mir Verantwortung zu übernehmen?

Verantwortung übernehmen

Kinder brauchen Eltern, die Verantwortung für ihre Gefühle übernehmen1

Zwischen Wutausbrüchen und Autonomie

In den ersten Lebensmonaten fällt es den meisten Eltern noch recht leicht, bedürfnisorientiert 2 mit ihren Kleinen umzugehen – doch spätestens wenn das Kind beginnt, die eigene Autonomie durchzusetzen wird es anstrengend für viele Eltern. Ich habe es schon häufiger geschrieben, werde aber nicht müde, es auch hier wieder zu betonen: Unsere Kinder wollen uns mit ihrem Verhalten nicht ärgern oder gar tyrannisieren, sondern sie können NICHT anders. Empathie entwickelt sich erst im Alter von etwa vier Jahren und selbst danach kann es immer wieder vorkommen, dass sie ihre Emotionen noch nicht besonders gut regulieren können. Und Hand aufs Herz: Welchem Erwachsenen gelingt das schon immer?

Da sind wir auch schon beim Thema – der Verantwortung für unsere Gefühle. Denn: Gerade die Wutausbrüche, die wir nicht selten abwertend als „Trotzphase“ bezeichnen, führen dazu, dass wir als Eltern unsere Emotionen so gar nicht mehr regulieren können.

Mitten im Machtkampf

Und schon befinden wir uns mitten im Machtkampf mit unseren Kindern. In solchen Momenten schaltet auch das Gehirn von Erwachsenen auf Notzustand. Wir sind dermaßen gestresst, überfordert und wütend, dass wir nicht mehr in der Lage sind, erwachsen zu handeln. Wir befinden uns auf der Kinderebene, verhalten uns kindisch und erwarten gleichzeitig von unseren Kindern, dass sie ihre Emotionen doch bitte besser regulieren können sollen. Eigentlich grotesk, wenn man intensiv drüber nachdenkt, oder?

Vor einigen Tagen sind wir aus unserem Urlaub zurück gekommen. Im Flugzeug habe ich folgende Situation erlebt als ich in der Toilettenschlange anstand: Eine Familie mit kleinem Kind saß ganz vorne, erste Reihe. An der Wand konnte ein Babybett befestigt werden. Das Kind, etwa 1,5 Jahre alt, schreit lauthals. Der Grund ist für mich nicht ersichtlich, ist aber auch nebensächlich. Die Mutter, die das Kleinkind bis dahin auf dem Schoß sitzen hatte, „schmeißt“ das Kind vor sich in das Bettchen. Dort schreit es mit hochrotem Kopf weiter. Sie bietet ihm immer wieder die Flasche mit Milch an, die das Kind mehrmals wegstößt. Irgendwann greift es danach, und schmeißt sie nach der Mutter. Das ist der Moment, in dem ihr der Geduldsfaden reißt und den Jungen laut hörbar auf den Popo klapst. Kurz darauf beruhigt sich das Kind und nimmt die Flasche dann doch.

Ich mag diese Situation an dieser Stelle nicht bewerten und ich kann auch nachvollziehen, dass es für die Mutter eine anstrengende Situation war im Flugzeug. Vermutlich macht sie sich selbst Vorwürfe.

Mir geht es viel mehr um folgendes: Die Mutter wurde durch das Schreien des Kindes getriggert. Die Gründe hierfür sind sicher vielfältig. Eine Möglichkeit wäre besipielsweise, dass ihr als Kind eingetrichtert wurde, dass man in der Öffentlichkeit leise zu sein hat. Eine andere, dass sie sich so überfordert fühlte, dass sie sich nicht anders zu helfen wusste. Eine dritte Möglichkeit sind eigene Gewalterfahrungen in der Kindheit, die sie nun auf ihr Kind projiziert und durch das Werfen der Flasche reaktiviert wurden. Das sind alles Spekulationen, war aber wichtig ist: Heute ist sie erwachsen und trägt die Verantwortung für ihre Gefühle. Der Wurf der Flasche war lediglich der Auslöser, aber nicht die Ursache für ihre darauffolgende Handlung. Diese liegt sehr viel tiefer und ist nicht „mal eben nebenbei“ zu ergründen.

Wir tragen die Verantwortung für unsere Kinder

Uns müssen also ein paar Dinge bewusst sein.

  • Kinder haben (wie oben bereits erwähnt) ein Recht auf gewaltfreie Erziehung
  • Wir sind die innere Stimme unsere Kinder – sie können sich nur wertvoll finden, wenn wir sie für wertvoll halten
  • Was wir zu unseren Kindern sagen wird ihre Realität – es manifestieren sich gegebenenfalls ungünstige Glaubenssätze

Das bedeutet, dass wir mit UNSEREM Verhalten maßgeblich Einfluss auf unsere Kinder nehmen und sie für das gesamte Leben prägen können. Wenn wir also vom Verhalten unserer Kinder getriggert werden, ist es zunächst wichtig, dass wir uns das überhaupt erst einmal bewusst machen. Wie schnell sind Sätze wie „Sie ist heute wieder sooo zickig“ oder „Du nervst mit deinem ewigen Rumgenörgel“ oder „Nun sei doch mal zufrieden mit dem was du hast“ gesagt? Die Gefühle, die solche Sätze auslösen, können wir oftmals überhaupt nicht abschätzen. Fakt ist aber: Jedes gesagte Wort hinterlässt Spuren!

Verantwortung übernehmen? Aber wie???

Die Krux an der ganzen Geschichte ist, dass wir uns dafür entscheiden müssen, es anders machen zu wollen. Wir sind keine Maschinen und es gibt immer mal Tage (auch bei mir!!!) an denen wir nicht in dem Maße belastbar sind. Aber: Es sollte sich dabei um Ausnahmen handeln! Wenn wir dauerhaft unter Stress stehen, wir uns jeden Tag mehrfach in Machtkämpfen mit unseren Kindern befinden und die Verantwortung für unser familiäres Leben abgeben, dann läuft etwas schief.

Der erste Schritt ist daher, sich bewusst zu machen, welche Dinge mich triggern und warum sie das tun. Viele werden nun vielleicht antworten, dass eben der andere sich auf irgendeine Weise verhalten hat und das hat uns wütend gemacht. So einfach ist es aber leider nicht – denn wir entscheiden, ob wir wütend werden oder nicht. Und wir können uns ganz bewusst dagegen entscheiden. Das setzt voraus, dass wir den Moment spüren, in dem wir kurz vorm ausrasten stehen. Wenn wir in der Lage sind, uns an diesem Punkt ein „Stopp“ zu setzen, dann ist dies der erste wesentliche Schritt zur großen Veränderung.

Mir hilft es in diesen Fällen dann häufig, mich auf den Boden zu setzen, tief durchzuatmen und meinen Kontakt mit dem Boden zu spüren und dann mein tobendes Kind richtig anzusehen. Seine Tränen wahrzunehmen, sein kleines wütendes Gesicht zu betrachten, seine Not zu sehen. Er tobt und ist wütend, ja! Aber er ist auch in großer innerer Not. Ich versuche ihm zuzuhören! Worum geht es ihm? Was braucht er? Denn: Das wichtigste Bedürfnis kleiner Kinder ist das nach Selbstbestimmung3. Dieses wollen sie befriedigen und dafür setzen sie sich ein! Viele Erwachsene haben verlernt, sich für Dinge einzusetzen, die uns wichtig sind.

Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen bedeutet auch auf das eigene Kind zugehen zu können und seine Not zu erkennen.4

Wenn ich meinen Sohn auf diese Weise anschaue, spüre ich meine tiefe Liebe zu ihm und es fällt mir leicht, auf ihn zu zugehen, ihn in die Arme zu schließen und zu trösten. Wenn wir beide runtergekommen sind können wir meistens in Ruhe besprechen, wie wir den Konflikt für beide möglichst gewinnbringend lösen können.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet, mich zurückzunehmen und meine Gefühle zu beobachten. Hilfreich kann es auch sein, sich abends für einen Moment hinzusetzen und zu spüren, welche Gefühle ich während des Konfliktes hatte. Häufig sind es Gefühle von Hilflosigkeit und das Bedürfnis nach Ruhe, Harmonie und Frieden. Diese Dinge erreichen wir aber nicht, wenn wir mit in den Konflikt einsteigen, sondern nur indem wir aussteigen aus dem Drama.

Viele werden vielleicht denken, dass das leichter gesagt ist als getan. Und das stimmt vermutlich auch. Aber meine Erfahrung zeigt, dass Eltern und Kinder sich oftmals gegenseitig hochschaukeln. Der Unterschied zwischen Erwachsenem und Kind ist aber, dass wir aussteigen können – unsere Kinder leider nicht.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderbaren Tag mit euren Kindern. Genießt die gemeinsame Zeit.

Eure Kira

 

P.S.: Fällt es dir schwer, Verantwortung in der Beziehung zu deinem Kind zu übernehmen? Kommst du immer wieder an deine inneren Grenzen, wirst laut und ungerecht ihm gegenüber? Möchtest du das gerne verändern? Dann kontaktiere mich jetzt für ein kostenloses Erstgespräch!5.

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Empfohlene Literatur

Quellen

Kira.Schlesinger

Über den Autor

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

Kira.Schlesinger

Über uns Kira.Schlesinger

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

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