Wenn Kinder ihre Eltern hauen…

Ist es eigentlich normal, dass (kleine) Kinder ihre Eltern hauen? Müssen wir als Eltern auf dieses kindliche Verhalten mit klaren Konsequenzen reagieren? Besteht gar die Gefahr, dass sich unser Kind zu einem Tyrannen entwickelt, wenn wir keine Grenzen setzen und dieses Verhalten unterbinden?

Hauen, Willen, Selbstbestimmung, Autonomie

Wenn Kinder ihre Eltern hauen ist dies ein Ausdruck ihrer emotionalen Not – sie wollen uns damit nicht ärgern oder tyrannisieren 1

In der Bild ist ein Artikel „Ist es normal, dass Kinder ihre Eltern schlagen“ erschienen.2 In diesem Artikel wird die Diplom-Psychotherapeutin Anke Precht interviewt. Die Hauptaussagen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  1. Es handelt sich dabei zunächst um ein natürliches kindliches Verhalten, welches in allen Schichten vorkommt.
  2. Das aggressive Verhalten verstärkt sich, wenn die Eltern nicht bereit sind, klare Grenzen aufzuzeigen.
  3. Durch das aggressive Verhalten wollen Kinder testen, ob ein Verbot wirklich gilt.
  4. Durch aggressives Verhalten wollen Kinder ihre Wünsche durchsetzen, sie wollen das bekommen, was ihnen in dem Moment gut tut. Diese Dinge benötigt man jedoch nicht zum Leben, es sind keine Bedürfnisse, sondern Wünsche, die erfüllt werden sollen.
  5. Hinter dem Wunsch nach einer Sache liegt ihrer Meinung nach das Bedürfnis nach Sicherheit – die Eltern können dieses Bedürfnis befriedigen, indem sie nicht nachgeben, sondern bei dem bleiben, was sie entschieden haben.
  6. Lassen Eltern es zu, dass ihre Kinder sie hauen, wird sich das aggressive Verhalten verstärken und das Kind übernimmt es in sein Verhaltensrepertoire. „Wenn es dann richtig sauer ist, etwas unbedingt will, vielleicht auch körperlich schon stärker, kann es das Schlagen immer wieder nutzen, um seinen Willen durchzusetzen.“

Selbstregulation

In einem Punkt stimme ich Frau Precht zu: Es handelt sich dabei um ein natürliches kindliches Verhalten. Allerdings ziehe ich vollkommen andere Schlussfolgerungen hinsichtlich der elterlichen Reaktion auf dieses Verhalten.

Kinder können ihre Gefühle noch nicht in dem Maße regulieren, wie wir Erwachsenen das können. Säuglinge und (Klein-)Kinder haben ein schmales Stress-Toleranz-Fenster. Hat ein Baby Stress, dann wird sein Bindungsbedürfnis aktiviert. Geht eine nahe Bezugsperson dann feinfühlig auf das Bedürfnis des Kindes ein, pendelt es sich wieder in seinem Stress-Toleranz-Fenster ein und es beruhigt sich. Kommt jedoch keiner, der es von außen co-reguliert, bekommt das Baby Todesangst. Die Erregung des Kindes wechselt sich dann ab von massiver Über-Erregung und völliger Unter-Erregung (Dissoziation). Die folgende Grafik veranschaulicht dies:

Regulation, Bindung, Trauma

Stress-Toleranz-Fenster3

Selbstregulation ist etwas, was sich in den ersten Lebensjahren eines Kindes nach und nach entwickelt. Unter Selbstregulation werden die „bewussten und unbewussten psychischen Vorgänge [verstanden], mit denen Menschen ihre Aufmerksamkeit, Emotionen, Impulse und Handlungen steuern.“4 Wie in der Grafik oben deutlich wird entsteht sie dann besonders gut, wenn auf die Bedürfnisse eines Kindes eingegangen wird. Was hat das nun damit zu tun, wenn Kinder ihre Eltern hauen?

Wenn Kinder ihre Eltern hauen…

Die Entwicklung der Selbstregulation gehört zu den maßgeblichen Entwicklungsaufgaben eines Kindes in der Kindheit (vgl. Renz-Polster: Die Kita-Erziehung wird immer funktionaler]. Was sie dabei jedoch benötigen ist die Unterstützung und Begleitung durch ihre Bezugspersonen. Diese Entwicklung ist im Alter von drei Jahren längst noch nicht abgeschlossen, so dass es immer wieder auch zu emotionalen Durchbrüchen kommen kann.

Jesper Juul (2013: S. 107)5 schreibt dazu:

Ein durchschnittliches Kind, das in einem sicheren und fürsorglichen Umfeld aufwächst, braucht eine ganze Kindheit experimentellen Lernens, um alle seine aggressiven Gefühle zu integrieren, die destruktiven unter Kontrolle zu bekommen und sie von konstruktiven zu unterscheiden. Wer diese natürliche Entwicklung beschleunigen will, gefährdet die geistige Gesundheit des Kindes und landet womöglich beim Gegenteil von dem, was er ursprünglich durch seine Intervention beabsichtigt hat.

Dieses Zitat verdeutlicht, dass es eben eine ganze Kindheit braucht, um alle Gefühle so unter Kontrolle zu bekommen, dass es der gesellschaftlichen Norm entspricht. Kinder wollen uns nicht ärgern, wenn sie wütend sind und sich im Supermarkt auf den Boden schmeißen – sie können ihre Emotionen schlichtweg noch nicht regulieren.

Wenn Kinder ihre Eltern hauen, dann tun sie das also nicht, weil sie uns verletzen wollen oder gar weil sie uns tyrannisieren wollen. Es ist der Ausdruck ihrer Hilflosigkeit und emotionalen Wut. Für unser Kind ist es ein Drama, dass es die Schokolade jetzt nicht haben darf. Kinder denken in anderen Kategorien. Natürlich steht es für uns Eltern oftmals in keinem Verhältnis, manchmal wirkt es geradezu so, als wäre der Wutausbruch vollkommen grundlos – dem ist aber nicht so! Kinder haben immer einen guten Grund, auch wenn er für uns Eltern noch so nichtig erscheint.

Mein Kind haut mich, was kann ich tun?

Viele Eltern werden nun denken „Ist ja gut und schön, ich will trotzdem nicht gehauen werden. Was kann ich dagegen tun?“ Ich denke, dass es genau darum geht zu erkennen, dass wir etwas nicht gegen unser Kind tun, sondern mit ihm gemeinsam. Wir sollten das Verhalten nicht abstellen wollen, sondern als natürliche (wesentliche) kindliche Entwicklung verstehen und dementsprechend darauf reagieren. Sobald wir mit unserem Kind in einen Machtkampf6 gehen, wird sich das Verhalten verstärken.

Ich denke (anders als Frau Precht), dass Kinder ihre Wut nicht  steuern, um damit auszutesten, ob ein Verbot tatsächlich gilt. Viel mehr sehe ich ein Kind, welches emotional in Not ist. Was es in diesen Momenten besonders braucht sind die folgenden Dinge:

  • Verständnis
  • Beziehung
  • Begleitung

Das bedeutet nicht, dass ich mich von meinem Kind hauen lasse oder dass ich mein „Nein“ zu einem „Ja“ umformuliere. Vielmehr geht es darum, das Kind in Liebe anzunehmen – mit all seinen Gefühlen und Emotionen. Es will nicht seinen Willen durchsetzen um uns zu ärgern, sondern es steht für seine Wünsche ein. Daran ist nichts Falsches! Ganz im Gegenteil wünschen sich die meisten Eltern für ihre Kinder doch, dass sie sich durchbeißen im Leben und für das einstehen, was sie wollen. Allerdings nicht, wenn es um Schokolade oder ein Spielzeug geht – wie absurd!

Die innere Haltung meinem Kind gegenüber

In erster Linie geht es wohl um Akzeptanz dessen, dass das Kind noch nicht in der Lage ist, seine Emotionen in dem Maße zu regulieren. Auch wenn wir Eltern glauben, dass das so ist – unser Kind zeigt uns deutlich, dass es das noch nicht kann. Wenn ich als Mama oder Papa akzeptiere, dass dem so ist, dann kann ich auf den Gefühlsausbruch auch ganz anders reagieren. Ich weiß dann, das mein Kind noch keine andere Möglichkeit hat, sich auszudrücken und deutlich zu machen, was es gerade braucht. Auch wenn es um so etwas Banales wie Schokolade geht – für unser Kind ist es in diesem Moment total wichtig. Wir Erwachsenen leben in einer anderen Welt – für uns ist der Jobverlust oder eine Scheidung die totale Katastrophe. In diesen Kategorien denken unsere Kinder natürlich nicht, aber dennoch ist es für unser Kind eben auch eine Katastrophe das tolle Spielzeug nicht haben zu können.

Es ist immer die Frage unserer Haltung unseren Kindern gegenüber. Natürlich können wir mit ihnen in einen Konflikt gehen und ihm sagen, dass es sich nicht so anstellen soll. Allerdings sind wir dann nicht in Verbindung mit unserem Kind und suggerieren ihm dass es a) wenig sinnvoll ist für Dinge, die ihm wichtig sind, einzustehen und b) nehmen wir seine Gefühle nicht ernst, was dazu führen kann, dass es sich wenig wertvoll für uns fühlt.

Verbindung zu unserem Kind aufbauen

Wir bleiben immer dann mit einem Menschen in Verbindung, wenn wir empathisch auf ihn reagieren. Fühlt sich unser Gegenüber verstanden, geraten wie nicht so leicht in einen Machtkampf. Häufig ist es nicht einfach auf die Gefühlsäußerungen anderer Menschen einfühlsam zu reagieren. Das hat insbesondere mit unserer eigenen Erziehung und unseren Glaubenssätzen über bestimmte Verhaltensweisen zu tun. „Man legt sich nicht schreiend im Supermarkt auf den Boden“ oder „Mit dem Geschreie will er nur seinen Willen durchsetzen“. Wenn wir uns von diesen Glaubenssätzen leiten lassen, dann verlieren wir die Verbindung zu unserem Kind. Wir sehen nicht mehr, dass es emotional in Not ist, sondern fühlen uns von ihm geärgert und beschämt.

Verbindung, Haltung, Liebe

Wenn wir in der Lage sind in Verbindung mit unserem Kind zu bleiben, dann können wir seine Wut und Frustration co-regulieren7

Wenn es uns in diesen Momenten gelingt, diese alten Glaubenssätze hinter uns zu lassen, dann können wir die Not unseres Kindes sehen. Wir sehen es plötzlich wie durch eine andere Brille. Es steht vor uns, vollkommen verzweifelt, mit dicken Tränen und absolut nicht fähig, seine Gefühle selbst zu regulieren. Das sind die Momente, in denen wir plötzlich die Verbindung wieder spüren und dann ist es auch ganz einfach unser Kind in die Arme zu schließen und beispielsweise zu sagen: „Mensch, du bist so wütend, dass du die Schokolade nicht haben kannst, nicht wahr? Ich verstehe dich so gut, es ist wirklich ärgerlich, wenn du das jetzt gerade nicht selbst entscheiden kannst.“

Empathisch zu sein bedeutet nicht, dass mein Kind in diesem Moment die Schokolade dann doch bekommt (wenn ich für mich klar entschieden habe, dass es keine haben soll – aus welchem Grund auch immer!). Aber dennoch fühlt sich das Kind in seinem Frust darüber, nicht selbst bestimmen zu dürfen, verstanden. Und das ist der große Unterschied – wir sind in Verbindung mit unserem Kind.

Authentische und klare Sprache

Wenn Kinder ihre Eltern hauen, dann fehlt es oftmals an einer authentischen und klaren Sprache dem Kind gegenüber. Darin stimme ich mit Frau Precht ein – wir sollten an diesem Punkt klar bleiben und uns nicht hauen lassen. Allerdings nicht, weil ich glaube, dass sich dieses Verhalten dann verfestigt, sondern weil es meine persönliche Grenze ist und ich von niemandem geschlagen werden will! Wir können in solchen Momenten auf Augenhöhe runter gehen, unser Kind kurz festhalten und sagen: „Stopp! Ich will, dass du aufhörst mich zu hauen! Ich sehe aber deine große Wut und ich möchte wirklich gerne wissen, was bei dir los ist. Magst du in die Arme genommen werden?“

Das „ich will“ wurde uns als Kinder frühzeitig aberzogen. Wer kennt ihn nicht den Spruch „Wenn Kinder was wollen, kriegen sie was auf die Bollen“? Dabei ist es so gut einen Willen zu haben! Ohne Willen setzen wir uns für nichts ein. Der menschliche Wille ist eine starke Antriebsfeder, ohne die die Menschheit sicherlich nicht an dem Punkt stünde, an der sie eben steht. Und dennoch – Kinder dürfen keinen Willen haben. Und wenn, dann wird nur abschätzig gesagt: „Der will wieder seinen Willen durchsetzen!“ Das ist wirklich schade, denn (wie ich weiter oben schon einmal schrieb) es ist nichts Falsches daran, sich für den eigenen Willen einzusetzen.

Nun, ich bin jedenfalls dazu über gegangen „ich will“ zu sagen und mache die Erfahrung, dass dies sehr klar bei meinem Sohn ankommt. Anstatt „ich möchte…bitte“ was immer noch die Möglichkeit offen hält, es eben doch anders zu tun (weiter zu hauen…) zeigt das „ich will“ sehr klar, dass meine persönliche Grenze erreicht ist.

Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung

Frau Precht deutet den Wunsch nach einer Sache als Bedürfnis nach Sicherheit – indem die Eltern zu ihrem „Nein“ stehen geben sie dem Kind einen sicheren Rahmen und können sich auf die Eltern verlassen. Meine Theorie (und da gehe ich mit anderen Experten konform) ist eine andere: Kinder im Alter zwischen 2 bis 5 Jahren befinden sich mitten in der Autonomie-Phase. Sie entdecken, dass sie ein „Ich“ haben und sie wollen viele Dinge selbst entscheiden. Sie möchten beispielsweise darüber entscheiden, was sie anziehen, was sie essen, wann sie schlafen, mit wem sie reden und mit wem nicht, was und wie sie spielen und so weiter. Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit sind grundlegende Bedürfnisse des menschlichen Seins.

Sicherheit erhalten unsere Kinder auch dann, wenn wir unsere Haltung dahingehend verändern, dass sie sich nicht so verhalten, weil sie uns ärgern wollen. Oder um uns zu tyrannisieren und zu beschämen. Wenn wir feinfühlig und empathisch auf unser Kind reagieren. Es in seinem Frust begleiten und seine emotionale Wut sehen. Wenn wir verstehen, dass es noch keine andere Möglichkeit hat um sich auszudrücken. Und vor allen Dingen: Dass es für sich und seine Wünsche einsteht. Es erfährt auch dann Sicherheit, wenn wir als Eltern begreifen, dass wir unser Kind nicht zu formen brauchen, sondern dass es vor allen Dingen in Verbindung mit uns sein möchte.

Was wir unseren Kindern aber dringend ermöglichen sollten, ist das Bedürfnis nach Selbstbestimmung zu befriedigen. Und das können wir immer wieder tun, indem wir es viele Dinge selbst entscheiden lassen. Wenn unsere Kinder sich gesehen fühlen, dann können sie auch kooperieren, wenn uns als Eltern etwas sehr wichtig ist.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderbaren Tag mit euren Kindern

eure Kira

P.S.: Hat dein Kind schon einmal nach dir geschlagen? Fühlst du dich in diesen Situationen hilflos und überfordert? Weißt du nicht, wie du mit deinem Kind umgehen sollst und habt ihr immer wieder Konflikte, die dich über das Maß beanspruchen? Dann kontaktiere mich jetzt für ein kostenloses Erstgespräch!8.

Oder fühlst du dich häufiger überfordert und gestresst im Umgang mit deinem Kind? Dann lade dir den kostenlosen Ratgeber „Fünf einfache Schritte für weniger Stress und Überforderung mit deinem Kind9 runter.

Nimm jetzt an der FEBuB - der ersten Familienkonferenz für Elternschaft, Bindung und Beziehung - teil und sichere dir dein Ticket!

...achso, noch etwas: Wenn Dir der Beitrag gut gefallen hat, freue ich mich natürlich immer darüber, wenn Du ihn auf Facebook, Twitter oder Pinterest teilst ;-):

Um stets über neue Beiträge, Angebote, Aktionen, kostenlose Downloads, uvm. informiert zu bleiben, kannst Du HappyBabys-Bindung auch ganz einfach auf Facebook und Youtube folgen:

Beitrag im druckerfreundlichen Format anzeigen

Empfohlene Literatur

Quellen

Kira.Schlesinger

Über den Autor

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

Kira.Schlesinger

Über uns Kira.Schlesinger

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

Verfasse einen Kommentar

Schreibe den ersten Kommentar!

Benachrichtigung von
avatar
wpDiscuz