Warum wir nicht autoritär zu sein brauchen

Was bedeutet autoritär überhaupt? Und warum glauben wir, dass wir autoritär sein müssten, um unsere Kinder zu gesellschaftsfähigen Erwachsenen zu erziehen? Braucht es dazu vielleicht nicht doch ganz andere elterliche Fähigkeiten?

Was bedeutet autoritär?

Auf der sozial-psychologischen Ebene ist autoritär die

Bezeichnung für menschliche Charaktere, die sich durch ein ausgeprägtes Überlegenheitsgefühl, überzogenen Machtanspruch und das Unterwerfen Schwächerer auszeichnen und dadurch Intoleranz, Dogmatismus und Unfreiheit fördern.1

Autoritäre Menschen nutzen dementsprechend ihre Macht gegenüber anderen (vermeintlich Unterlegeneren) aus.

Was hat autoritär mit Kindererziehung zu tun?

Warum wir nicht autoritär zu sein brauchen

Echte Beziehung ohne autoritär zu sein

Viele Jahrzehnte wurde die Kindererziehung durch einen sehr autoritären Erziehungsstil geprägt. Die Machtverhältnisse waren hierarchisch verteilt, der Vater war das Familienoberhaupt und Frau und Kinder standen darunter.

In der autoritären Erziehung werden enge Regeln vorgegeben, an die sich die restlichen Familienmitglieder zu halten haben. Durchgesetzt werden diese in erster Linie durch Bestrafungen und Loben bzw. Belohnungssysteme (Warum Loben und Belohnungssysteme unseren Kindern schaden)2

Warum ist die autoritäre Kindererziehung problematisch?

Im Verhältnis zu unseren Kindern gibt es ganz automatisch eine Differenz der Machtverhältnisse. Unsere Kinder sind aufgrund ihrer körperlichen und auch geistigen Fähigkeiten zunächst ganz natürlicherweise schwächer als wir Erwachsenen.
Problematisch wird das dann, wenn dieser Machtunterschied dahingehend genutzt wird, den anderen nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Nichts anderes passiert jedoch, wenn wir Kinder erziehen. Wir formen jemanden – der schwächer ist, als wir selbst – und setzen unsere Überzeugungen durch. Wir Erwachsenen geben die Regeln vor und an diese haben sich alle anderen zu halten. Wenn diese überschritten werden, dann gibt es zunächst Androhungen von Strafen, die dann auch durchgesetzt werden, wenn das Kind „nicht spurt“. Der Erziehungsstil zeichnet sich weiterhin durch ein hohes Maß an Strenge aus. Nicht so selten werden die elterlichen Regeln auch durch körperliche Maßnahmen durchgesetzt. Immer noch 40 Prozent der Eltern geben ihren Kindern mindestens ein- bis zwei Mal innerhalb von 12 Monaten einen „Klaps auf den Po“ und 10 Prozent geben im selben Zeitraum eine „Ohrfeige“. Den „Hintern versohlt“ bekommen immerhin noch 4 Prozent der Kinder.3

Statistik: Anteil der Eltern, die ihr Kind in den letzten 12 Monaten mit folgenden Züchtigungsmaßnahmen bestraft haben | StatistaMehr Statistiken finden Sie bei Statista

Dieser sehr enge Rahmen gibt den Kindern eine gewisse Form der Sicherheit, allerdings auch nur dann, wenn die Eltern verlässlich handeln und in ähnlichen Situationen auch gleich handeln. Dann haben die Kinder die Möglichkeit sich innerhalb der vorgegebenen Regeln zu bewegen und sie wissen auch, welche Konsequenzen ihnen bei Nichteinhaltung drohen.

Dennoch ist heute vielen Eltern auch bewusst, dass diese Form der Erziehung durchaus problematisch für die kindliche Entwicklung ist:

  • Die autoritäre Erziehung zeichnet sich nicht selten dadurch aus, dass an die Kinder sehr hohe Ansprüche gestellt werden. Der Leistungsdruck ist häufig immens.
  • Die Kinder sollen absolut gehorsam sein.
  • Für die kindlichen Gefühle ist bei diesem Erziehungsstil nur wenig Raum.
  • Ebenso werden die Bedürfnisse des Kindes oft kaum bis gar nicht wahrgenommen. Ob dem Kind beispielsweise das Hobby Spaß macht oder nicht, interessiert die Eltern meistens nicht so sehr – Hauptsache, das Kind erfüllt die Anforderungen der Eltern.
  • Der sehr enge Rahmen der autoritären Erziehung macht eine freie, den kindlichen Bedürfnissen entsprechende, Entfaltung kaum möglich.
  • Vielmehr wirken sich diese sehr engen Vorgaben massiv auf die Kreativität und Spontanität des Kindes aus – die Eltern geben ja ohnehin alle Aktivitäten vor!
  • Dieses Verhalten dem Kind gegenüber hat zudem Auswirkungen auf die Entwicklung des Selbstwertgefühls, welches häufig nur gering ausgeprägt ist, und auf die Selbständigkeit.
  • Nicht selten kann bei autoritär erzogenen Kindern beobachtet werden, dass sie aggressive Verhaltensweisen zeigen.

Alles in Allem ist der autoritären Erziehung nicht besonders viel positives abzugewinnen. Ein Problem, welches sich daraus ergibt, ist, dass viele Eltern sich heute unsicher sind, wie sie es besser machen können. Denn viele stehen unter dem Druck, dass die Kinder ja irgendwie lernen müssen (Was müssen Kinder müssen?4, wie wir in unserer Gesellschaft leben. Wie können Kinder dies lernen, ohne von den Eltern auf die oben beschriebene Art und Weise erzogen zu werden? Im Folgenden werde ich dies ausführlich beschreiben.

Warum wir nicht autoritär zu sein brauchen…

Zunächst gilt es, den Blick auf unsere Kinder zu verändern. Wir Erwachsenen haben Grundannahmen darüber, wie unsere Kinder sind und was sie brauchen, um sich gesund zu entwickeln. Viele von uns glauben beispielsweise, dass wir in einem großen Aufwand dafür Sorge tragen müssen, dass unsere Kinder gesellschaftsfähig werden. Auch glauben wir, dass es unsere Aufgabe ist, unseren Kindern beizubringen, was richtig und was falsch ist.

Da wir von der Richtigkeit dieser Annahmen überzeugt sind, lassen wir also kaum eine Situation aus, unsere Kinder immer und immer wieder daran zu erinnern, was aus unserer Sicht richtig bzw. falsch ist. Wir vergessen jedoch, dass es sich dabei lediglich um unsere ganz eigene, völlig subjektive, Sicht der Dinge handelt. Zur Zeit leben etwa 8 Milliarden Menschen auf unserem Planeten – wir sollten uns schon eingestehen, dass es mindestens ebenso viele Sichtweisen gibt! Von daher können wir davon ausgehen, dass es ein richtig oder falsch in diesem Sinne nicht gibt.

Warum wir nicht autoritär zu sein brauchen

Vertrauen ist die grundlegende Basis für eine Eltern-Kind-Beziehung

Was wir heute jedoch wissen, ist, dass Kinder mit uns kooperieren wollen. Sie kommen als soziale Wesen zur Welt, die Teil einer Gemeinschaft sein wollen. Wenn ein Kind nicht kooperiert, dann entweder weil es bereits zu häufig gekränkt wurde oder weil es gerade in diesem Moment aufgrund von dringenden Bedürfnissen (Hunger, Müdigkeit, körperliche Nähe…) nicht dazu in der Lage ist, es also überfordert ist.5

Wenn wir uns dies bewusst machen, können wir in Konfliktsituationen ganz anders auf unsere Kinder eingehen. Sie sind nicht „trotzig“, weil sie uns ärgern wollen, sondern weil sie gerade nicht anders können. Dahinter steckt ein tieferes Bedürfnis und es ist die elterliche Aufgabe zu hinterfragen, welches es ist (vielleicht auch interessant: Von der Erziehung zur Beziehung)6

Wie können wir Beziehung gestalten ohne autoritär zu sein?

Beziehungen können wir in aller erster Linie durch Vertrauen in unsere Kinder gestalten. Der erste große Schritt dahin geht vermutlich über das Loslassen – unserer Grundannahmen und unserer Glaubenssätze darüber, wie Kinder sein müssen und was wir dafür tun müssen. Denn: Wir brauchen überhaupt nichts zu tun!

Unsere Kinder brauchen in erster Linie Eltern, die natürliche Autoritäten sind. Das heißt, dass wir liebevoll und glaubwürdig sein sollten. Alle Strategien, die wir nutzen, um unsere Kinder in eine bestimmte Richtung zu bewegen, sind meistens genau das Gegenteil davon.

Heute auf dem Spielplatz: Die Eltern entscheiden, dass sie nun gehen wollen. Das kleine Mädchen will noch nicht gehen. Die Mutter geht entschieden vom Spielplatz runter, während das Mädchen wie angewurzelt stehen bleibt. Der Vater versucht derweil, das Mädchen zum Mitkommen zu bewegen. Die Mutter ruft: „Manuel, nun komm doch. So sieht sie uns ja noch.“ Darauf hin geht der Vater zum Mädchen, welches ihm erleichtert die Arme entgegen streckt und sich von ihm auf den Arm nehmen lässt. Es fängt an zu weinen, sie verlassen den Spielplatz.

In dieser kurzen Situation sind unterschiedliche Grundannahmen und Strategien zum Einsatz gekommen. Ich möchte über die Eltern überhaupt nicht urteilen und ihr Handeln auch nicht bewerten. Allerdings war die Beobachtung sehr spannend und ich möchte meine Gedanken dazu kurz hier schildern.
Zum einen bekommt das Kind in dieser Situation nicht die Möglichkeit, den Zeitpunkt des Gehens mitzubestimmen. Die Eltern entscheiden, dass sie nun gehen wollen und erwarten, dass das Kind anstandslos mitkommt. Dieses will aber noch bleiben. Auf die mehrfache Aufforderung, es solle mitkommen, passiert nichts. Nun versuchen die Eltern es mit einer anderen Strategie: Sie suggerieren dem Kind, dass sie auch ohne dieses gehen werden. Verständlicherweise löst dieses Handeln auf der einen Seite Angst aus, auf der anderen Seite machen die Eltern sich aber auch unglaubwürdig, denn sie gehen ja nicht wirklich. Der Vater löst die Situation dann auf, in dem er zu dem Mädchen ging und es auf den Arm nahm. Der innere Druck brach sich Bahn, indem es begann zu weinen (Warum logische Konsequenzen auch Bestrafungen sind).7

Hier wird wieder einmal deutlich, dass wir durch das „in Beziehung gehen“ Konflikte sehr viel einfacher und schneller lösen können, als durch Drohungen und Strategien. Wenn wir Strategien nutzen, dann sind wir nicht authentisch, sondern lediglich autoritär. Diese Form der Erziehung führt aber nur sehr bedingt zum Ziel und zerstört unsere Beziehung zu unserem Kind. Wollen wir wirklich, dass unsere Kinder Angst vor uns haben? Oder dass sie uns als nicht verlässlich wahrnehmen? Wollen wir, dass sie unserer Willkür ausgesetzt sind? Und was wünschen wir uns für die Zukunft unserer Kinder? Sollen sie zu selbstbewussten und selbständigen jungen Erwachsenen heranwachsen? Oder sollen sie abhängig von unseren Vorgaben sein?

Warum wir nicht autoritär zu sein brauchen

Eltern sollten Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und dieses immer wieder reflektieren

Kinder brauchen in erster Linie Eltern, die in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen. Zum einen für das, was wir sagen und zum anderen natürlich auch für das eigene Handeln. Dazu müssen wir unsere persönlichen Grenzen kennen und unsere Bedürfnisse erspüren. Wenn wir unseren Kindern auf gleichwürdiger Ebene begegnen, dann sind wir authentisch und werden persönlich.

In der heutigen Zeit distanzieren sich die meisten Eltern von der alten autoritären Erziehung. Schwere körperliche Züchtigungen werden nur noch selten eingesetzt und auch ein blinder Gehorsam wird nicht mehr in dem Maße gefordert. Dennoch erwarten wir von unseren Kindern, dass sie lernen, sich an unsere Regeln zu halten und unsere Grenzen zu wahren. Dies erlernen sie jedoch nicht, weil wir es ihnen immer wieder sagen, sondern nur, wenn sie uns beobachten dürfen: „Wie wahrt Mama im Umgang mit anderen Menschen deren Grenzen? Wie hält sie sich an Regeln? Welche Werte und Normen hat sie? Wie geht Papa mit Mama um? Respektiert er sie? Wahrt er ihre Grenzen? Wie kommunizieren Mama und Papa miteinander? Leben sie mir einen wertschätzenden Umgang miteinander vor?“

Durch diese Beobachtungen lernen die Kinder sehr viel mehr, als durch Erziehung. Wenn wir Eltern beginnen, achtsam mit uns selbst und mit anderen umzugehen, dann übernehmen unsere Kinder dies zwangsläufig. Kinder lernen am Vorbild! Was braucht es also, um Beziehung zu gestalten ohne autoritär zu sein?

  • Vertrauen
  • Anerkennung und Geborgenheit
  • Verbundenheit/Verständnis
  • Das Zulassen von Autonomie beim Kind
  • Loslassen alter Grundannahmen und Glaubenssätze, wie Kinder sein sollen

Damit Kinder sich gut entwickeln können, brauchen sie einen Rahmen, der ihnen Geborgenheit und Wärme gibt. Wenn wir mit unseren Kindern schwingen und sie wertschätzen, dann können sie sich entfalten. Sie brauchen Orientierung und Eltern, die sich selbst reflektieren und Verantwortung übernehmen. Natürlich gibt es immer wieder auch Situationen, die uns an unserer Grenzen bringen, das ist völlig normal. Kinder sind manchmal anstrengend und sie beim aufwachsen zu begleiten ist eine Herausforderung. Es gilt immer wieder, zurück zu unserem Herzen zu finden und in Verbindung mit unseren Kindern zu sein. Letztendlich können wir all unsere Sorgen, ob aus unseren Kindern etwas wird oder ob sie sich an die Gesellschaft anpassen werden, loslassen und ins absolute Vertrauen gehen. Wenn wir unseren Kindern auf der Ebene des Herzens begegnen, ihnen Vertrauen entgegen bringen, sie wertschätzen und Orientierung bieten, dann gedeihen sie ganz von alleine – auch ohne dass wir autoritär zu sein brauchen!

Mit meinen Artikeln möchte ich zum Umdenken anregen. Es ist mir ein Herzensanliegen, Eltern darin zu unterstützen, ihren ganz eigenen, individuellen Weg im Umgang mit ihren Kindern zu finden. Wenn du das Gefühl hast, dass du es gerne anders machen möchtest, als viele in deiner Umgebung, du aber nicht weißt, wie du es umsetzen sollst, dann kontaktiere mich und wir vereinbaren ein kostenloses Erstgespräch!8.

In diesem Sinne wünsche ich euch und euren Familien ein schönes Wochenende!

Eure Kira!

P.S.: Fühlst du dich häufiger überfordert und gestresst im Umgang mit deinem Kind? Dann lade dir den kostenlosen Ratgeber „Fünf einfache Schritte für weniger Stress und Überforderung mit deinem Kind9 runter.

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Empfohlene Literatur

Quellen

Kira.Schlesinger

Über den Autor

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

Kira.Schlesinger

Über uns Kira.Schlesinger

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

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