Sichere Bindung aufbauen

Sichere Bindung - Das Fundament für das gesamte Leben

Sichere Bindung – Ein Konzept von Gemeinsamkeit, Unterstützung, Schutz und Fröhlichkeit in der Familie

Warum ist es so wichtig, dass Babys eine sichere Bindung an ihre Bezugspersonen aufbauen? Wie geht das und wozu brauchen wir das überhaupt?

Wenn Babys auf die Welt kommen, sind sie absolut abhängig von Menschen, die sich um ihre  Bedürfnisse kümmern und sie vor Gefahren schützen. Ein Baby ist völlig hilflos, und kann ohne

wenigstens eine Bezugsperson nicht überleben. Alleine ist kein Mensch lebensfähig! Die ersten Lebensjahre eines Kindes sind also vor allem dadurch geprägt, dass sie zunächst einmal erfahren müssen, dass es Menschen gibt, die immer da sind und sich zuverlässig um seine Bedürfnisse kümmern. Aus dieser Sicherheit heraus, kann das Kind dann in einem weiteren Schritt langsam und im eigenen Tempo zunehmend selbständiger werden.

Die sichere Bindung – Bindungstheorie nach John Bowlby

Im Laufe des ersten Lebensjahres baut ein Säugling eine emotionale und spezifische Bindung an eine Hauptbindungsperson und weitere Bindungspersonen auf. Diese emotionale Bindung sichert das Überleben des Kindes und die Bindungsperson ist der „sichere emotionale Hafen“ des Kindes, bei der es Schutz und Geborgenheit erfährt.

Das Kind baut in der Regel zu der Person eine sichere Bindung auf, die in der Lage ist, seine Bedürfnisse zu

  • erkennen
  • adäquat und
  • prompt zu befriedigen.
Sichere Bindung - Das Fundament für ein gesundes Leben

Sichere Bindung – Durch körperliche Nähe, emotionale Verfügbarkeit und Akzeptanz kann das Kind eine sichere Bindung zur Mutter aufbauen

Es wird demnach die Person die Hauptbindungsperson des Kindes, die am feinfühligsten mit dem Baby umgeht. Die Hauptbindungsperson muss nicht zwingend die leibliche Mutter oder der leibliche Vater sein. Nicht die genetische Verwandschaft ist ausschlaggebend für den Aufbau einer sicheren Bindung, sondern die emotionale Verfügbarkeit der Pflegeperson. Der Einfachheit halber wird in diesem Artikel dennoch von Mutter und Vater gesprochen, da sie in den meisten Fällen durchaus die Hauptbezugspersonen für Kinder sind. Die Kinder entwickeln dann eine „Bindungspyramide“, in der sie Bindungspersonen hierarchisch anordnen. So ist meistens die zweite wichtige Bindungsperson der Vater, dann folgt die Oma und dann vielleicht die Tante. Die Hauptbindungsperson wird bei größtem Stress aufgesucht und kann am besten beruhigen. Andere Bindungspersonen können bei kleinerem Stress beruhigen und werden immer dann als Ersatz akzeptiert, wenn die Hauptbindungsperson nicht verfügbar ist. In diesem (Bindung Teil 1) und diesem (sichere Eltern-Kind-Bindung Teil 2) Artikel habe ich bereits auch ausführlich darüber geschrieben!

Hat ein Baby oder Kleinkind Angst, dann wird das Bindungsbedürfnis aktiviert. Durch körperliche Nähe zur Hauptbindungsperson kann dieses Bedürfnis wieder beruhigt werden. Das Bindungs- und Erkundungsbedürfnis stehen in einem engen Zusammenhang zueinander. Ist das Bindungsbedürfnis aktiviert, kann ein Baby die Umwelt nicht mehr erkunden. Es will dann hochgenommen werden und getröstet werden. Erst wenn es wieder völlig beruhigt ist, kann es die Umgebung wieder explorieren. Das gelingt jedoch nur, wenn sich das Baby sicher sein kann, dass „der sichere Hafen“ in der Nähe ist.

Kann ich mein Kind verwöhnen, wenn ich auf jedes Bedürfnis sofort eingehe?

Dies ist eine häufig vorkommende Sorge von Eltern, deren Wurzeln in der deutschen Vergangenheit liegt. In Zeiten des deutschen Reiches (1933 – 1945) wurden Bücher publiziert, in denen dringend davon abgeraten wurde, auf das Schreien von Babys zu reagieren. Johanna Haarer war in dieser Zeit die Expertin rund um Fragen zur Kindererziehung und ihr berühmtes Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“  wurde bis in die 80er Jahre immer wieder neu aufgelegt, dann zwar um die „Nazi-Inhalte“ wie „Volk“ und „Führer“ bereinigt aber nicht minder populär. So schreibt sie in Bezug auf einen weinenden Säugling:

„Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch (…). Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.“

Sichere Bindung - Durch Körpernähe kann eine sichere Bindung zu dem Kind aufgebaut werden

Sichere Bindung – Auch Väter sind wichtige Bindungspersonen für Kinder und bauen eine sichere Bindung durch Nähe auf

Diese Sätze lassen einen, angesichts der emotionalen Kälte, wirklich erschrecken. Um so unfassbarer, dass dieses Buch in immer wieder neuen Auflagen gedruckt worden ist. Aber dadurch wird deutlich, woher die Sorge vor dem Verwöhnen unserer Kinder kommt. Unsere Großmütter haben dieses Buch vermutlich alle gelesen. Und selbst unsere Eltern kennen es höchst wahrscheinlich noch. Diese Sichtweise ist tief verankert in unserem Denken über Kinder. In den letzten Jahrzehnten hat sich dennoch zum Glück einiges gewandelt und es findet ein Umdenken statt.

Fakt ist, dass das Ammenmärchen vom „Verwöhnen des Kindes durch zu viel Nähe, Liebe und Geborgenheit“ nicht wahr ist, denn man kann Babys (insbesondere im ersten Lebensjahr, aber auch darüber hinaus) nicht verwöhnen! Stattdessen ist es wichtig, dass die Bedürfnisse des Kindes gesehen und artikuliert (Das Kind schreit und man bringt das in einen Satz: „Oh, da hat aber jemand Hunger“ und dann wird es angelegt oder bekommt die Flasche) werden. Auf diesem Wege spiegelt man dem Kind sein Gefühl (Hunger) und es lernt mit der Zeit, seine Gefühle selbst wahrzunehmen und zu äußern. Babys haben in der ersten Zeit eine sehr geringe Stress-Toleranz-Grenze und es ist die Aufgabe der Eltern, das Kind durch Stress zu begleiten und ihm diesen zu nehmen. Anzunehmen, dass ein Baby verwöhnt werden könnte, weil man ihm das gibt, was es braucht ist geradezu absurd. Babys und Kleinkinder brauchen unsere Unterstützung, Liebe, Nähe, und unseren Schutz, sonst können sie nicht überleben!  Bindung ist für unser Überleben ebenso grundlegend wesentlich, wie Wasser, Luft zum Atmen und Ernährung.

Ein Baby, das schreit, braucht etwas, hat ein Bedürfnis, welches es alleine nicht befriedigen kann. Kinder schreien nicht, weil sie uns ärgern wollen oder weil sie kleine Tyrannen sind. Sie haben schlichtweg keine andere Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und Bedürfnisse zu äußern. Wird ein Kind älter und hat eine sichere Bindung an eine Hauptbindunsperson aufgebaut, dann werden diese groben Bedürfnis-Äußerungen (wie schreien) weniger und die Mutter erkennt bereits frühzeitig, was ihr Baby braucht. 

Was ist bedürfnisorientierte Elternschaft?

Bedürfnisorientierte Elternschaft bedeutet also, die Bedürfnisse des Kindes immer zu befriedigen. Das beinhaltet beispielsweise das Stillen nach Bedarf oder das Tragen, wenn das Kind weint. In keinem Fall sollte man sein Baby schreien lassen, weil es „die Lungen stärkt“, das einzige was es in diesem Fall lernt ist, dass niemand kommt, wenn es ein Bedürfnis hat. Das führt dazu, dass Kinder resignieren und es vermeiden, ihre Bedürfnisse zu zeigen. So können Kinder keine sichere Bindung zu ihren Eltern aufbauen und der erste Stein für eine Bindungsstörung ist gelegt. Aus dieser bedürfnisorientierten Elternschaft und der daraus resultierenden sicheren Bindungsentwicklung ergeben sich diverse Schutzfaktoren für das Kind:

  • Mehr Bewältigungsmöglichkeiten bei Belastungen
  • Die Möglichkeit, sich Hilfe zu holen
  • Mehr gemeinschaftliches Verhalten
  • Empathie für emotionale Situationen von anderen Menschen
  • Mehr Beziehungen
  • Mehr Kreativität
  • Mehr Flexibilität und Ausdauer
  • Mehr Gedächtnisleistung und Lernen
Sichere Bindung - Körperliche Nähe stärkt die Bindung zwischen Mutter und Kind

Sichere Bindung – Gemeinsam schlafen stärkt die Bindung und fördert die Entwicklung

Feinfühligkeit und Bedürfnisorientierung im Umgang mit dem Kind haben demnach absolut nichts mit verwöhnen zu tun. Stattdessen wird in den ersten Lebensjahren das Fundament für das gesamte Leben gelegt. Die Bindungserfahrungen, die die Kinder in ihrer frühen Kindheit machen, sind maßgeblich daran beteiligt, wie sich das Kind entwickelt und wie Beziehungsfähig es im Erwachsenenalter sein wird. Eine sichere Bindung zu mindestens einer nahen Person ist für jedes Kind lebenswichtig!

Abschließend lässt sich nochmal zusammenfassen, dass das Kind nicht schreien zu lassen, es nach Bedarf zu Stillen, es zu tragen oder seine Bedürfnisse zu achten und zu respektieren absolut nichts damit zu tun hat, dass wir kleine Tyrannen heranziehen, sondern vielmehr wachsen dadurch Menschen heran, die fähig sind, sich einzufühlen und zu lieben. Wir können ein Kind nicht verwöhnen, wenn wir es aufrichtig lieben, seine Integrität wahren und es trösten, wenn es Kummer oder Schmerzen hat. Die sichere Bindung ist das Fundament für eine gesunde psychische Entwicklung. Was Kinder sicher nicht brauchen, ist permanente Kritik und Ablehnung. Sie benötigen Menschen, die sie begleiten, unterstützen und bestärken und ihnen auf der anderen Seite Werte und einen gewaltfreien Umgang mit unseren Mitmenschen vorleben. Kinder lernen am Vorbild und sie orientieren sich starkt an dem, wie wir handeln, fühlen und interagieren. Das bedeutet, dass es unsere Verantwortung ist, unser Handeln, unsere Gefühle und unsere Interaktionen mit anderen Menschen zu reflektieren und bewusst zu gestalten. Wenn uns das gelingt, dann haben wir bereits viel gewonnen und wir können unseren Kindern sehr viel für das gesamte Leben mitgeben.

Empfohlene Literatur

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