Selbstbestimmung – Erfüllung aller Wünsche?

Selbstbestimmung

Selbstbestimmung bedeutet, das Kind in seinem Sein zu sehen und seine Bedürfnisse zu stillen1

Wenn mir die Selbstbestimmung meines Kindes wichtig ist, bedeutet das automatisch, dass ich dazu verpflichtet bin, ihm alle Wünsche zu erfüllen?

„Es kommt zur Machtumkehr – Eltern ziehen eine Genration von Narzissten und Egomanen heran“

Ich bin gestern auf einen Artikel  im schweizerischen Tagesanzeiger aus dem Jahr 2013 gestoßen. Dort wurde damals der Kinderpsychiater Michael Winterhoff interviewt. Seine Aussage in Bezug auf die heutige Kindererziehung: „Es kommt zur Machtumkehr2 – Eltern zögen eine Generation von Narzissten und Egomanen heran“. Winterhoff beschreibt, dass es eine Symbiose zwischen Eltern und Kind gäbe, die Eltern halten Spannungen in dieser Symbiose nicht aus, aus diesem Grund erfüllen sie den Kindern jeden Wunsch. Er beschreibt fatale Folgen für Kinder, die in einer solchen Eltern-Kind-Symbiose aufwachsen, unter anderem soll die Entwicklung gebremst werden und sowohl die emotionale als auch die soziale Psyche bilden sich nicht weiter aus. Das sei jedoch die Voraussetzung, damit Kinder mit anderen Menschen zurecht kommen. So kämen Grundschulkinder und Jugendliche mit einem Weltbild eines 16 Monate alten Kleinkindes in seine Praxis. Er beklagt, dass die Kinder nicht über Frustrationstoleranz verfügen, dass sie kein Unrechtsbewusstsein haben, ohne Empathie für das Gegenüber seien und sich dauernd als Opfer sehen. Und vor allem würden sie denken, dass es sich alleine um das Stillen ihrer Bedürfnisse drehen würde. Früher hätte es in den Schulklassen zwei auffällige Kinder gegeben, heute seien es zwei Kinder, die es nicht wären. Es kommt, seiner Meinung nach, zu einer Machtumkehr – die Kinder sollen die Bedürfnisse der Erwachsenen nach Sicherheit (in einer unsicheren Gesellschaft) und Anerkennung befriedigen. Er kritisiert, dass Selbstbestimmung und Selbstständigkeit miteinander verwechselt werden. Kinder würden nicht mehr selbständig, sondern selbstbestimmend groß. Alles drehe sich um die Wunscherfüllung des Kindes. Kinder würden auf diese Art und Weise nicht mehr lernen, dass sie sich in der Gesellschaft anpassen müssen und man müsse dem Kind auch nicht auf Augenhöhe alles erklären, denn das zu verstehen, dazu sei es entwicklungspsychologisch nicht in der Lage.

Narzisstische Verhaltensweisen überdecken Gefühle wie Angst, Minderwertigkeit und Scham

Dieses Interview, wie es damals erschienen ist, erscheint in meinen Augen doch sehr pauschal und bei mir entsteht der Eindruck, dass hier sehr viele Eltern-Kind-Beziehungen zu einem Einheitsbrei vermischt werden. Wenn der Autor sagt, Eltern zögen eine Generation von Narzissten und Egomanen heran, dann ist dies schlichtweg eine Panikmache, die ich absolut nicht nachvollziehen kann. Wie entwickelt sich Narzissmus? Nun, in erster Linie dann, wenn Kinder in ihrem wirklichen Sein nicht gesehen werden. Narzisstische Verhaltensweisen und Gedanken, wie beispielsweise das Gefühl von Großartigkeit, die Abwertung anderer Personen und ein übertriebenes Anspruchsverhalten dienen als ein Versuch, das eigene mindere Selbstwertgefühl zu bewältigen und vor anderen nicht zu zeigen. Es ist eben nicht so, dass diese Menschen mit narzisstischen Verhaltensweisen sich wirklich großartig und anderen überlegen fühlen, sondern vielmehr überdecken sie damit Gefühle von Angst, Minderwertigkeit und Scham (vgl. Ritter/Lammers 2007: S. 53-60).3

Kernberg sieht die Ursachen für die negativen Emotionen und Selbstabwertungen in einer zentralen zwischenmenschlich bedrohlichen Erfahrung, in Form einer emotionalen Deprivation, die durch kühle, gleichgültige oder latent aggressive Eltern verursacht wurde. Das Kind reagiert auf diese Deprivation mit Ärger und Wut, die jedoch die Gleichgültigkeit und die Aggressivität der Eltern verstärken. Die einzige wirkungsvolle Abwehr dieser Bedrohung besteht für das Kind in der Fokussierung auf Aspekte seiner Person, die von seinen Eltern akzeptiert und wertgeschätzt werden (in der Regel Leistung, Besonderheiten usw.). Hierdurch entwickelt das Kind dann ein grandioses Selbst (bzgl. des übersteigerten Selbstwertgefühls), das sich vom „wahren” Selbst abspaltet.

Kinder entwickeln nicht durch Liebe, Geborgenheit und Wärme narzisstische Züge, sondern vielmehr eben dann, wenn sie diese Dinge in ihrer frühen Kindheit nicht erleben dürfen und nur für Leistung gewertschätzt werden und „Liebe“ erfahren.

Sichere Bindung als Fundament gesunder kindlicher Entwicklung
Selbstbestimmung, Bindung,. Fundament, Beziehung

Sichere Bindung als Fundament für das gesamte Leben4

Auch die von Winterhoff als sehr negativ beschriebene Symbiose ist für die gesunde kindliche Entwicklung zunächst sehr wichtig. Bereits während der Schwangerschaft und auch in den ersten Lebensmonaten nach der Geburt ist der Säugling absolut abhängig vom Überleben der Mutter und davon, dass sie ihn beschützt, füttert und umsorgt. Nach einer gelungenen Säuglingsphase, in der das Baby eine sichere Bindung an mindestens eine Bezugsperson aufbauen konnte, kommt es dann im Alter von etwa fünf bis sechs Monaten zur ersten Loslösung aus dieser Symbiose. Mit zunehmenden Fähigkeiten des Kindes löst es sich nun immer mehr aus der engen Beziehung zu seinen Eltern und öffnet sich immer mehr für seine Umwelt und andere Menschen. Dies ist ein Prozess, bei dem das Kind auch weiter die Unterstützung und Begleitung seiner Eltern benötigen. Diese fungieren hier als „sicherer Hafen“ (vgl. Brisch 2105), in dem das Kind Sicherheit und Geborgenheit erfährt. Die sichere Bindung an die Eltern stellt hier das Fundament gesunder kindlicher Entwicklung dar.

Kommt es nun zu Störungen in diesem Prozess des Bindungsaufbaus, werden Kinder nicht für ihr individuelles Sein geliebt, sondern nur für Leistungen oder erfahren sie im Elternhaus gravierende Unsicherheiten – dann kann es tatsächlich zu Störungen in der kindlichen Entwicklung kommen. Diese entstehen dann jedoch, weil die Eltern meistens selbst eigene traumatische Erfahrungen gemacht haben und aus diesen heraus nicht in der Lage sind, emotional verlässlich auf das Kind einzugehen und seine Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen.

Also ja, es kann zu Störungen in der Eltern-Kind-Beziehung kommen und ja, es gibt auch Symbiosen, die ungesund sind und das Kind in seiner kindlichen Entwicklung blockiert. Was Winterhoff in seinen Büchern aber betreibt, ist eine massive Panikmache und fördert meiner Auffassung nach kalte und emotionslose Eltern-Kind-Beziehungen. Er beschreibt dies in einer aggressiven Art und Weise, als wäre jede zweite Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern massiv gestört. Meiner Erfahrung nach ist dies jedoch nicht der Fall. Was stimmt ist, dass Eltern heute oft verunsichert sind – sie wollen jedoch alle das Selbe: Zufriedene, glückliche Kinder! Es ist absolut nicht hilfreich, wenn Eltern durch solche Bücher und Artikel weiter verunsichert werden.

Ihm geht es in seinen Büchern nicht darum, tragfähige Beziehungen zwischen Eltern und Kindern zu fördern, sondern allein darum, Eltern klar vor Augen zu halten, was sie falsch machen. Kinder müssen gehorsam sein, sie müssen sich anpassen. Dass dies am aktuellen wissenschaftlichen Stand jedoch völlig vorbei geht, hat Herr Winterhoff ganz offensichtlich noch nicht bemerkt. Wenn er schreibt, es komme zu einer Machtumkehr zwischen Eltern und Kindern, dann frage ich mich ernsthaft, aus welchem Grund er so viel Angst vor den Kindern der heutigen Zeit hat. Ist es nicht vielmehr so, dass die Kinder aus dieser Generation zum ersten Mal freier aufwachsen dürfen als in allen Jahrhunderten zuvor, dass sie Liebe, Geborgenheit und Schutz durch ihre Eltern erfahren? Vielen Eltern wird immer bewusster, was Kinder wirklich brauchen: Liebe, Akzeptanz, Geborgenheit und Begleitung. Experten aus der Entwicklungspsychologie und den Neuro- und Erziehungswissenschaften zeigen deutlich, was Kinder benötigen, um gesund aufwachsen zu können. Tragfähige Bindungen und Beziehungen stehen hier an oberster Stelle.

Was Winterhoff beschreibt, sind Auswüchse ungesunder Eltern-Kind-Beziehungen. Sicherlich benötigen einige Eltern Unterstützung und natürlich gibt es Familien, in denen es alles andere als optimal läuft. Aber ich denke wir sollten schon anerkennen, dass die allermeisten Eltern sehr bemüht darum sind, eine gute Beziehung zu ihren Kindern zu haben.

Selbstbestimmung bedeutet, dass ich alle Wünsche erfüllen muss?

Winterhoff kritisiert, dass viele Kinder heute selbstbestimmend groß werden. Was bedeutet Selbstbestimmung denn überhaupt? Heißt das, dass ich meinem Kind jeden Wunsch erfüllen muss? Nein, das heißt es sicherlich nicht. Es bedeutet aber, dass ich dem Kind im Rahmen seiner wachsenden Fähigkeiten immer mehr zugestehe, seinen Körper betreffend eigene Entscheidungen zu treffen. Bereits ein Säugling zeigt deutlich, wann er Hunger hat (Hungerzeichen)5 und wann er genug hat (abwenden von der Brust oder Flasche). Wenn wir achtsam sind, nehmen wir beide Zeichen wahr und reagieren adäquat darauf.

Genau so können Kinder selbstbestimmt schlafen gehen. Wenn wir den abendlichen Kampf aufgeben, dass unser Kind „um acht im Bett sein muss, weil sich das so gehört“, dann wird das Kind selbständig signalisieren, wann es müde ist und deutliche Zeichen dafür geben.

Ebenso verhält es sich beispielsweise beim Thema „Frieren“. Wenn das Kind im Herbst partout keine Jacke anziehen will – dann nehme ich eben eine mit und lasse mein Kind die Erfahrung von Regen, Nässe und Kälte selbst machen. Es wird vermutlich (wenn nicht vorher bereits massiv die Integrität des Kindes verletzt wurde) relativ schnell merken, dass es ungemütlich ist und die mitgenommene Jacke überziehen.

Später können Kinder dann auch selbst entscheiden, was sie anziehen möchten, ob sie Süßigkeiten essen wollen oder wie viel sie fernsehen. Ich möchte an dieser Stelle jetzt nicht tiefer auf die einzelnen Aspekte eingehen, da dies den Rahmen sprengen würde. Fakt ist jedoch: Wenn wir den Kindern zugestehen, dass sie ihre Bedürfnisse selbst wahrnehmen können, dann tun sie das auch.

Und an dieser Stelle sollte schon klar unterschieden werden, zwischen (wichtigen) Bedürfnissen und Wünschen. Nur weil ich bedürfnisorientiert bin, heißt das noch lange nicht, dass alle Wünsche jetzt sofort erfüllt werden. Der Unterschied ist jedoch, dass ich meinem Kind klar begründe, warum es jetzt gerade nicht geht (z.B.: „Nicht genug Geld dabei“) und seine Reaktion darauf nicht abwürge und mit erzieherischen Maßnahmen übergehe. Dazu auch mein Video: Was ist eigentlich Bedürfnisorientierung?6

Selbstbestimmung bedeutet nicht, dass ich alle Wünsche erfüllen muss. Es bedeutet aber, dass ich in Beziehung gehe und schaue, was das Bedürfnis hinter dem Wunsch ist. Was fehlt meinem Kind, wenn es sechs Stunden am Tag vor der Glotze hängt oder warum führt es sich die Süße des Lebens durch Schokolade zu? Wenn wir aufmerksam sind, dann können wir als Eltern erkennen, dass meistens ein tiefes Verlangen nach (körperlicher und emotionaler) Nähe dahinterstecken.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass ich Winterhoffs Sicht auf Kinder als wirklich zutiefst hinterfragungswürdig betrachte. Er fordert Gehorsam und Anpassung von den Kindern – kann gleichzeitig aber nicht sehen, dass immer mehr Eltern sich eine andere Form der Beziehung zu ihren Kindern wünschen. Ist es nicht endlich mal an der Zeit, dass die Systeme an unsere Kinder angepasst werden und wir nicht immer noch versuchen, die Kinder ins System zu drücken? Kinder brauchen das freie Spiel und Beziehungen, um sich gesund zu entwickeln. Das, was Herr Winterhoff fordert, erinnert leider an weit zurückliegende Zeiten. Traurig, dass so etwas immer noch gedruckt wird. Aber es zeigt auch, dass wir weiter darüber aufklären müssen, was Kinder wirklich brauchen!

Was wir im Umgang mit unseren Kindern brauchen sind Flexibilität und Geduld. Natürlich ist es phasenweise anstrengend und fordernd, besonders wenn wir unsere Kinder so lassen wollen, wie sie eben sind. Sie haben ihren eigenen Willen und das ist gut so. Wenn wir ihre Autonomie respektieren, dann werden sie sich automatisch an das familiäre und gesellschaftliche Gefüge anpassen. Vertrauen ist die Devise!

Alles Liebe eure Kira!

P.S.: Fühlst du dich verunsichert, wenn du solche Artikel liest? Möchtest du gerne bindungs- und beziehungsorientiert mit deinem Kind umgehen? Dann kontaktiere mich und wir vereinbaren ein kostenloses Erstgespräch!7.

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Empfohlene Literatur

Quellen

  1. Foto von Denys Kurbatov
  2. Tagesanzeiger.ch – Interview mit Michael Winterhoff: Es kommt zur Machtumkehr
  3. Ritter/Lammers: Narzissmus – Persönlichkeitsvariable und Persönlichkeitsstörung. In: Psychotherapie – Psychosomatik – Medizinische Psychotherapie. Stuttgart. New York: Georg Thieme Verlag KG, 2007, S. 53-60
  4. Foto von Minnikova Mariia
  5. Kira Schlesinger: Habe ich genügend Muttermilch?
  6. Kira Schlesinger: Was ist eigentlich Bedürfnisorientierung?
  7.  Die Gründe für ein Elterncoaching sind sehr verschieden – Sichere dir jetzt dein Erstgespräch
  8. Kostenloser Ratgeber: Fünf einfache Schritte für weniger Stress und Überforderung mit deinem Kind
Kira.Schlesinger

Über den Autor

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

Kira.Schlesinger

Über uns Kira.Schlesinger

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

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