Regulationsstörung – Hilfe, mein Baby schreit!

Die Regulationsstörung kommt bei Säuglingen verhältnismäßig häufig vor – etwa jedes vierte bis fünfte Baby ist davon betroffen. Diese Babys werden umgangssprachlich meistens als „Schreibabys“ oder „High Needs Babys“ bezeichnet.

Weinen, Regulationsstörung, Gelassenheit,

Regulationsstörung – Wenn dein Baby unstillbar weint…1

Ich kann mich gut daran erinnern, als ich mit meinem Sohn den Rückbildungskurs besuchte: Während die Babys der anderen Mamas zufrieden in der Babyschale saßen und vergnügt am Schnuller nuckelten (den mein Sohn niemals genommen hätte), schrie mein Baby sofort los, wenn ich es für eine Übung neben mich legte. Ich konnte die Übungen nur machen, wenn sich die Hebamme erbarmte und ihn, auf einem PlexiBall sitzend, schuckelte. Aber selbst das ging nicht lange gut, denn er wollte: MICH! Dementsprechend stillte ich bei der Rückbildung mehr, als dass ich turnte und ich war mehr außerhalb des Raumes als drinnen.

Ich bemerkte ziemlich früh, dass mein Sohn sehr schnell überreizt war. Er war in diesen Momenten nicht zu beruhigen. An Tagen, an denen wir Unternehmungen machten, kam es häufig vor, dass er sich einschrie und sich absolut nicht von mir beruhigen ließ. Als er vier Monate alt war besuchten wir eine fremde Krabbelgruppe. Nach etwa 15 Minuten war es vorbei und er brüllte – er brüllte, als hätte ich irgendetwas furchtbares mit ihm angestellt. Wir verließen die Krabbelgruppe dann ziemlich eilig, denn so hatte es ja keinen Sinn. Ich werde niemals vergessen, wie mein Vater mich einige Tage später, als ich ihm davon erzählte, fragte: „Aber muss er sich da nicht langsam mal dran gewöhnen?“ – „Ähm, nein!! Er ist vier Monate alt, er muss sich an überhaupt gar nichts gewöhnen?!“

Nachmittags begann er oft unzufrieden zu werden und er schrie einige Stunden lang. In unserer Verzweiflung probierten wir alles aus – Wir stellten uns vor die Dunstabzugshaube, wir schalteten den Fön ein, wir luden uns Apps runter, die diese Geräusche imitierten. Wir trugen ihn stundenlang, schuckelten, streichelten, sangen und stillten. Es war furchtbar, dass wir diesem kleinen Wesen einfach nicht helfen konnten und er offensichtlich schon so viel „Weltschmerz“ zu haben schien. 

Wenn das Baby sich nicht beruhigen lässt – Exzessives Schreien

Von einer Regulationsstörung wird gesprochen, wenn ein Säugling mindestens drei Mal die Woche länger als drei Stunden schreit und dies länger als drei Wochen anhält. Ich persönlich sehe diese Einteilung in Kategorien jedoch kritisch, denn viel wesentlicher ist es, auf die individuelle Belastung zu schauen. Mütter, die völlig verzweifelt sind, obwohl das Kind eigentlich nicht in die vorher genannte Kategorie fällt, brauchen dennoch dringend Unterstützung. Die individuelle Wahrnehmung kann hierbei stark variieren und was für die eine Mutter gut ertragbar ist, kann für die andere Mutter bereits kaum auszuhalten sein.

Für viele Eltern ist es eine Regulationsstörung eine unglaubliche Zerreißprobe. Es fühlt sich schrecklich an, das eigene Baby nicht beruhigen zu können. Wenn das Baby sich nur schwer stillen lässt, immer wieder schreiend abdockt und nur kurz einnickt, um dann wieder hochzuschrecken, dann kann es schwer fallen, empathisch und feinfühlig zu bleiben. Das unstillbare Weinen wird häufig mit den sogenannten „Drei-Monats-Koliken“ erklärt, allerdings sind Probleme im Magen-Darm-System tatsächlich nur in etwa 10% der Fälle für das Weinen ursächlich.

Das Weinen eines Säuglings ist zunächst einmal ein völlig normales Kommunikationsmittel – sie haben keine andere Möglichkeit auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Dennoch sollte immer sehr individuell geschaut werden, wenn eine Mutter über häufiges, unstillbares Weinen klagt.

Fütterstörung

Häufig kommt es bei einer Regulationsstörung auch zu Schwierigkeiten beim Stillen. Das Baby scheint nie Ruhe für das Stillen zu haben, es dockt sich ab, beginnt zu schreien, wirkt unzufrieden mit der Brust und stillt immer wieder nur sehr kurz. Ganz allgemein wird von einer Fütterstörung gesprochen

wenn das Füttern oder die Nahrungsaufnahme des Säuglings oder Kleinkindes von den Eltern über einen längeren Zeitraum (> 1 Monat bzw. > 3 Monate) als Problem empfunden wird und sie deswegen Hilfe suchen. Ab dem 4. Lebensmonat gelten 1. die lange Dauer einzelner Fütterungen (≥ 45 Minuten) und/oder 2. der kurze zeitliche Abstand zwischen den Mahlzeiten (≤ 2 Stunden) als objektive Kriterien für eine Fütterstörung.(Hommel, Susanne 2010: S. 10)2

Die Stillbeziehung ist immer völlig individuell. Sowohl die Mutter als auch das Baby müssen das Stillen zunächst einmal erlernen und manchmal gibt es Schwierigkeiten dabei, sich aufeinander einzulassen. Manche Mütter haben große Angst, dass ihr Baby „nicht genug bekommen könnte“, sie zu wenig Milch hat und das Baby nicht satt wird. Das Stillen nach Bedarf – das bedeutet dass der Säugling immer angelegt wird, wenn er dazu die Bereitschaft zeigt – unterstützt jedoch die Milchbildung und gibt dem Baby in unruhigen Momenten Nähe, Wärme und Trost.

Eine Fütterstörung ist schwierig zu diagnostizieren, aus diesem Grund sollte auch hier wieder die individuelle Belastung im Vordergrund stehen. Ein Baby, dass mindestens sechs nasse Windeln am Tag hat und sich altersgerecht entwickelt, bekommt in jedem Falle ausreichend Milch, auch wenn es unzufrieden wirkt. Wenn ein Baby sehr häufig, aber immer nur ganz kurz stillt, nicht altersgerecht zunimmt (oder gar abnimmt!!) und ständig unzufrieden wirkt, sollte natürlich ein Arzt aufgesucht werden!

Schlafstörung

Zur Regulationsstörung des frühen Kindesalters gehört ebenfalls die Schlafstörung. Ein gesunder Säuglinge wird  in den ersten Lebensmonaten nachts regelmäßig kurz wach. Im Normalfall sollte das Baby dann mit elterlicher Unterstützung relativ schnell wieder in den Schlaf zurückfinden. Babys müssen ihren Schlaf-Wach-Rhythmus in den ersten Lebenswochen erst einmal entwickeln. Säuglinge wachen, nach aktuellen Erkenntnissen, zwischen 10 bis 15 Mal in der Nacht auf. Ebenso ist es völlig normal, dass die Einschlafdauer im ersten Lebensjahr etwa 30 Minuten beträgt. Von einer Schlafstörung spricht man demnach erst, wenn ein Baby nachts öfter als drei Mal aufwacht und dann mindestens für 20 Minuten wach bleibt. Es hat große Schwierigkeiten, wieder zurück in den Schlaf zu finden, schreit und ist unruhig. Hierbei gilt natürlich zu beachten, dass es sich dabei nicht nur um eine kurze Phase handelt, sondern das Kind regelmäßig und über einen längeren Zeitraum nachts erwacht und nur schwer wieder in den Schlaf begleitet werden kann.

Regulationsstörung? Was können wir tun?

Auch wenn es etwas plakativ klingt, aber zunächst einmal: Annehmen was ist! Wenn wir mit der Situation in einen Kampf gehen und daran verzweifeln, dann bringt das weder unserem Kind noch uns selbst etwas. Manchmal hilft die Erkenntnis, dass wir gerade nichts verändern können, außer unser Baby zu halten und es durch seinen Schmerz zu begleiten. In jedem Fall ist es hilfreich, frühzeitige Signale des Babys wahrzunehmen und zu erkennen und diese dann zu befriedigen. Wenn das Baby schnell überreizt ist, sollten diese Situationen so gestaltet werden, dass das Baby geschützt wird. Das heißt konkret: Kein Rumreichen des Babys von einem Arm zum nächsten und das begrenzen von Besuchszeiten können hier förderlich sein. Wenn Gäste da sind, kann das Baby in ein Tragetuch oder eine Tragehilfe vor den Bauch genommen werden. So bekommt es die Möglichkeit, zu schauen, wenn es möchte und sich zurückzuziehen, wenn es das braucht.

Familienbett, Regulationsstörung

Regulationsstörung – Das gemeinsame Schlafen kann eine Möglichkeit für mehr Ruhe und Entspannung sein3

Kommt es zu regelmäßigem abendlichen Weinen, dann sollte das Baby dabei begleitet werden. Tragt es im abgedunkelten Zimmer bei euch am Körper und sprecht leise mit ihm. Spiegelt seine Gefühle „Du bist gerade so verzweifelt. Das war heute so viel für dich, nicht wahr? Ich bin bei dir und begleite dich. Ich versteh dich. Ich liebe dich.“ So oder ähnlich. Das Baby versteht vielleicht nicht jedes Wort im Detail, aber den liebevollen Klang der Stimme nimmt es in jedem Fall wahr.

Das gemeinsame Schlafen im Familienbett, das Stillen nach Bedarf und das Tragen in Tuch oder Tragehilfe können wirklich hilfreich sein, um euer Baby durch diese schwere Zeit zu begleiten. Ebenso wichtig sind Rituale, die jeden Abend wiederkehrend sind.

Hol dir Unterstützung, wenn du überfordert bist…

Und das Wichtigste zum Schluss: Eine Regulationsstörung ist für alle Beteiligten sehr anstrengend und viele Eltern fühlen sich völlig verzweifelt. Dennoch kann es hilfreich sein, die eigene Perspektive zu verändern und zu erkennen, dass es eine Kommunikationsform des Babys ist. Auf diese Art und Weise baut es seinen Stress ab. Sie können sich noch nicht selbst regulieren und brauchen Mama und Papa dazu. Wenn wir uns in Gelassenheit üben, dann können wir unserem Kind das geben was es in diesem Moment benötigt: Nähe, Wärme, Schutz und Begleitung durch seine nahen Bezugspersonen.

Wenn du dich sehr verzweifelt und überfordert im Umgang mit deinem Kind fühlst, dann suche dir unbedingt Unterstützung. In jeder größeren Stadt gibt es sogenannte „Schreiambulanzen“, in denen du Beratung und Hilfe erhalten kannst. Außerdem gibt es auch speziell ausgebildete Psychotherapeuten, die sich mit der Behandlung von Säuglingen auskennen. Ebenfalls hilfreich kann die Vernetzung mit anderen Müttern sein, beispielsweise durch den Besuch einer Still- oder Krabbelgruppe. Auch die emotionelle erste Hilfe4 kann eine wirkunsvolle Unterstützung sein und Eltern beim Bindungsaufbau und in Krisensituationen unterstützen und begleiten.

In diesem Sinne hoffe ich, dass der Artikel für viele Mamas und Papas hilfreich ist!

Herzliche Grüße,

eure Kira!

P.S.: Weint dein Baby häufig unstillbar und es fällt dir schwer zu erkennen, was dein Baby gerade braucht? Kannst du die Bedürfnisse hinter dem kindlichen Verhalten nicht erkennen? Wünscht du dir eine neue Haltung gegenüber und einen anderen Umgang mit deinem Kind?  Dann kontaktiere mich und wir vereinbaren ein kostenloses Erstgespräch!5.

Oder fühlst du dich häufiger überfordert und gestresst im Umgang mit deinem Kind? Dann lade dir den kostenlosen Ratgeber „Fünf einfache Schritte für weniger Stress und Überforderung mit deinem Kind6 runter.

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Empfohlene Literatur

Quellen

Kira.Schlesinger

Über den Autor

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

Kira.Schlesinger

Über uns Kira.Schlesinger

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

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1 Kommetar Ein "Regulationsstörung – Hilfe, mein Baby schreit!"

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Elisa
Gast

Danke, liebe Kiria! Die Begriffserläuterungen finde ich gut und es zeigt, dass es nicht darum geht, sich erst Hilfe zu suchen, wenn die „3mal3“-Regel erfüllt ist sondern man individuell entscheiden sollte. Hinter untröstlichem Weinen können übrigens auch pränatale sowie Geburtserfahrungen Ursache sein,dem sogenannten „Erinnerungsweinen“. Wer in Leipzig wohnt,sei dazu die Schreiambulanz von http://www.geburt-aus-der-Mitte.de empfohlen.

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