Machtkampf mit dem Kind – und wie du ihn vermeiden kannst!

Machtkampf, Beziehung, Konflikte, Haltung zum Kind

Der Machtkampf schwächt die Beziehung zwischen Eltern und Kind 1

Welche Mama, welcher Papa kennt es nicht – gerade war noch alles in Ordnung und plötzlich befindet man sich mitten in einem Machtkampf mit seinem Kind. Meistens fühlen wir uns hilflos und überfordert. Doch wie entsteht ein solcher Machtkampf? Und was können wir als Eltern dafür tun, dass keiner als Verlierer aus dem Konflikt herausgeht?

Der Machtkampf

Der kleine Jonas, 2,5 Jahre alt, liegt kreischend auf dem Boden. Seine Mama, Ina, steht über ihm und sagt: „Du sollst jetzt sofort den Becher aufheben, den du gerade runter geschmissen hast. Immer schmeißt du irgendwas runter und willst es dann nicht aufheben. Mir reicht es echt mit dir. Bis das nicht passiert ist, können wir nichts anderes machen.“

Ein klassischer Machtkampf, wie er tagtäglich so oder ähnlich in vielen Familien vorkommt. Doch was passiert hier?

Offensichtlich hat Jonas einen Becher runter geschmissen, den er nun wieder aufheben soll. Will er nicht, also beginnt er zu weinen. Es gelingt der Mutter in dieser Situation nicht, auf ihren kleinen Sohn einzugehen, stattdessen reagiert sie mit Vorwürfen und Erpressung („Bis das nicht passiert ist, können wir nichts anderes unternehmen“). Mit dem Satz „Mir reicht es echt mit dir“ verlässt sie die Sachebene, es geht nicht mehr nur um den Becher. In diesem Satz wird ihre Überforderung deutlich. Offensichtlich gibt es solche oder ähnliche Konflikte häufiger. Das Fatale daran: Sie gibt ihrem Sohn die Verantwortung für den Konflikt und greift ihn gleichzeitig in seiner Integrität („Mir reicht es echt mit dir“) an.

Was kommt beim Sohn an? Er fühlt sich in seinem Schmerz und seiner Wut nicht gesehen. Ihm wird suggeriert, dass er mit diesen Gefühlen falsch und nicht gewollt ist. Er fühlt sich wertlos! Auch wenn es nicht die Absicht der Mutter ist – sie schwächt durch diesen Konflikt massiv die Beziehung zwischen sich und ihrem Kind.

Der Machtkampf – Auswirkungen auf den Familienalltag

Natürlich gibt es immer mal Situationen, in denen wir uns überfordert fühlen und nicht in der Lage sind, so besonders empathisch auf unser Kind einzugehen. Ich selbst kenne das besonders gut aus Krankheitsphasen. Wenn es mir gesundheitlich nicht gut geht, gerate ich selbst auch schneller aus meiner Mitte und werde „niggelig“. Dann kann es mir auch passieren, dass ich plötzlich auf Dinge beharre, dir mir sonst egal sind – und schon sind wir in einem Machtkampf.

Der ein oder andere wird nun sagen: „Ja nu, dann muss er halt mal weinen. Er muss ja auch mal lernen, dass es Konsequenzen hat, wenn man ständig irgendwas runter wirft. Das kann er schon mal lernen so langsam.“ Das Problem an den Machtkämpfen ist aber, dass wir immer einen Verlierer haben – und das sind in den seltensten Fällen wir Erwachsenen, sondern immer die Kinder. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie vollkommen abhängig von uns sind. Solche Glaubenssätze wie „Das muss er lernen“, „Da muss er durch“ „Es muss auch mal Konsequenzen geben“ führen nicht dazu, dass wir in Beziehung zu unserem Kind sind – sondern in einem Konflikt. Und wenn diese Konflikte Regelmäßigkeit werden, wird sich das nachhaltig auf unseren Familienalltag auswirken.

Was können wir tun?

Zunächst sollten wir erkennen, dass a) immer wir Erwachsenen die Verantwortung für den Konflikt tragen und b) unsere Kinder in diesem Moment einfach gerade nicht anders können! Es gibt einen guten Grund für das kindliche Verhalten und wir tun gut daran, diesen zu hinterfragen.

Aussteigen aus dem Machtkampf

Druck erzeugt immer Gegendruck!

In der Situation oben könnte Ina ganz bewusst aus dem Machtkampf aussteigen. Anstatt ihrem Sohn Vorwürfe zu machen und Druck auszuüben, könnte sie beispielsweise sagen: „Ich will dass du den Becher aufhebst. Mir ist es wichtig, dass es in der Küche aufgeräumt ist.“ Mehr nicht. Sie könnte diesen Satz gegebenenfalls nochmal wiederholen und dann einfach abwarten. Auf diese Art und Weise sagt sie etwas über sich selbst – nämlich dass ihr Ordnung wichtig ist, aber sie wird nicht verletzend. Es kann sein, dass ihr Kind den Becher dennoch nicht aufheben will. Hier gilt es dann vielleicht kreativ zu werden und gemeinsam mit dem Kind zu überlegen, wie das mit dem Becher nun gelingen kann. Das Kind einzubeziehen, anstatt es auszuschließen – das ist die elterliche Herausforderung vor der wir tagtäglich stehen.

Körperkontakt anbieten

Machtkampf, Beziehung,Körperkontakt

Der Ausstieg aus dem Machtkampf – Körperkontakt kann die Emotionen lösen! 2

Im nahen körperlichen Kontakt liegt eine große Kraft. Durch eine liebevolle Umarmung können sich die angestauten Emotionen lösen. Häufig liegt hinter der vermeintlichen Wut ein anderes Gefühl (Trauer, Angst), welches durch die Umarmung nach oben kommen darf. Durch den elterlichen Halt darf diesen Gefühlen Ausdruck verliehen werden.

Natürlich gilt: Solange das Kind nicht in die Arme genommen werden mag, sollte das immer respektiert werden. Wir können uns dann in einiger Entfernung zu unserem Kind hinsetzen und beispielsweise sagen: „Ich bin hier! Wenn du meine Nähe brauchst, kannst du gerne zu mir kommen!“

Sprache achtsam verwenden

Sprache ist etwas wunderbares. Sie ist sehr mächtig, kann verbindend aber auch sehr trennend wirken. Gerade im Umgang mit unseren Kindern sollten wir daher schon überlegen, was wir sagen. Wir Erwachsenen wissen häufig, dass wir etwas nicht unbedingt genau so gemeint haben, wie es gesagt wurde. Allerdings wissen unsere Kinder das nicht. Sie nehmen jedes Wort von uns sehr ernst. Wenn eine Mama zu ihrem Kind sagt „Es reicht mir echt mit dir“ dann ist das ein wirklich verletzender Satz. Würde mein Partner so etwas zu mir sagen, wäre ich zutiefst traurig und würde vermutlich die Partnerschaft hinterfragen. Unsere Kinder haben diese Möglichkeit nicht. Stattdessen glauben sie, was Mama sagt! Sie können nicht anders, als es ernst zu nehmen und es auf sich zu beziehen.

Verzicht auf allgemeine Aussagen

Immer und nie stimmen immer und nie!

Solche Verallgemeinerungen wie „immer“, „nie“, „man“ erschweren die Kommunikation massiv. Nutzen wir diese Phrasen, dann ist unsere Sprache sehr unpersönlich. Es scheint, als gäbe es nur diese eine Wahrheit (und nicht noch mindestens 20 weitere!!!). Auf dieser Ebene können keine Gespräche stattfinden, denn sie suggerieren dem anderen, dass er es immer falsch macht. Dabei wird natürlich vollkommen übersehen, dass es viele Ausnahmen von dieser Regel gab – vermutlich hatte Jonas schon mehr Becher in der Hand, die er nicht runter geworfen hat.

Wir können uns in unserer Sprache immer wieder selbst korrigieren. Immer schneller bemerken wir dann, wenn uns wieder eine allgemeine Aussage über die Lippen gekommen ist. Statt: „man wirft seinen Becher nicht runter“ – „Ich will nicht, dass du den Becher runterschmeißt.“ Statt: „Immer haust du andere Kinder“ – „Ich will nicht, dass du das andere Mädchen haust“. Auf diese Art und Weise sagen wir etwas über unsere persönliche Grenze und übernehmen gleichzeitig auch die Verantwortung für unsere Aussage!

Unsere Haltung ändern

Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen. (Epiktet)

Dieses Zitat von dem griechischen Philosophen macht es sehr deutlich: Es sind nicht die Umstände, die uns wütend machen, uns überfordern oder uns hilflos fühlen lassen – sondern es ist vielmehr unsere Sicht auf diese Umstände. Unsere Haltung, unsere Überzeugungen, unsere Glaubenssätze lassen uns niggelig und beharrlich werden. Wir können uns immer wieder fragen, ob es sich gerade lohnt ein Fass wegen einem Becher aufzumachen, oder ob wir nicht lieber die Zeit mit unserem Kind genießen wollen.

Ganz häufig machen wir uns das Leben selbst schwer. Die Anforderungen der heutigen Zeit sind so hoch. Aber letztendlich sind es Konstrukte, die nur in unserem Kopf sind. Wir können alte Glaubenssätze und Überzeugungen hinterfragen und über Bord werfen. Der Ausstieg aus dem Machtkampf beginnt in dem Moment, in dem wir unsere Haltung zu unserem Kind verändern. Denn dann können wir sehen, dass es ihm gerade nicht möglich ist, anders zu handeln. Es kann seine Emotionen noch nicht in dem Maße steuern und regulieren, wie wir Erwachsenen das können. Wenn uns das bewusst ist, gelingt es uns sehr viel leichter, nachsichtig und wertschätzend zu bleiben – auch dann, wenn es anstrengend ist!

In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderschönen Tag mit euren Kindern! Genießt es!

Eure Kira

P.S.: Willst du aussteigen aus dem ewigen Machtkampf mit deinem Kind? Möchtest du wirklich etwas verändern und wieder in Beziehung zu deinem Kind sein? Dann kontaktiere mich und wir vereinbaren ein kostenloses Erstgespräch!3.

Oder fühlst du dich häufiger überfordert und gestresst im Umgang mit deinem Kind? Dann lade dir den kostenlosen Ratgeber „Fünf einfache Schritte für weniger Stress und Überforderung mit deinem Kind4 runter.

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Empfohlene Literatur

Quellen

Kira.Schlesinger

Über den Autor

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

Kira.Schlesinger

Über uns Kira.Schlesinger

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

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3 Kommentare Ein "Machtkampf mit dem Kind – und wie du ihn vermeiden kannst!"

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Berufung Mami
Gast
Liebe Kira, großartiger Artikel! Viele gute Tipps! Mein Sohn gehört zu den Kindern, die Nähe nicht so sehr brauchen. Er ist lieber für sich. Ich setze mich dann tatsächlich immer in seine Nähe und sage ihm, dass ich für ihn da bin, wenn er mich braucht. Dein letzter Satz ist auch sehr wichtig: Wir denken nämlich immer, unsere KInder sind einfach nur kleine Erwachsene. Sind sie aber nicht! Sie manipulieren uns nicht, wenn sie etwas nicht bekommen und daraufhin weinend vor uns auf dem Boden liegen und schreien. Sie sind einfach so sehr bei sich. Ausschließlich. Sie können sich nicht… Weiterlesen...
Nana
Gast

Danke für den tollen Artikel!
Mir hilft es total in der Beobachterrolle zu bleiben, achtsam versuchen herauszufinden, was da los ist. Und schon sehe ich die Verzweiflung im Kind und keine Provokation und kann liebevoll nach einer guten Lösung für alle schauen.

Sabine
Gast

Schön geschrieben! Manchmal ist es schwierig seine eigenen Emotionen außen vor zu lassen und sich nicht auf selbst auf der Ebene des Machtspielchens wiederzufinden. Ich denke die wahre Kunst ist hier zwischen den Zeilen zu lesen und versuchen herauszufinden was eigentlich diese Emotion auslöst. Da bin ich völlig bei dir, oft ist so ein Wutanfall ein Deckmantel für Sorgen, Ängste oder Trauer. Es lohnt sich auf jeden Fall zu versuchen der Ursache auf den Grund zu gehen 🙂

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