Bindungsorientierte Eingewöhnung in den Kindergarten

Eingewöhnung Kita und Krippe

Die gelingende Eingewöhnung in den Kindergarten hängt maßgeblich vom Beziehungsaufbau zwischen Erzieherin und Kind ab1

Die Eingewöhnung in die Krippe oder den Kindergarten ist für viele Eltern und Kinder häufig ein großer Schritt. Es kommt zur ersten Ablösung von Mama und Papa, die Kinder sind nun für einige Stunden am Tag außer Haus. Es handelt sich dabei um einen Loslösungsprozess, der liebevoll begleitet werden sollte. Nicht nur die Eltern müssen loslassen, sondern auch das Kind. Die gewohnte Morgenroutine wird nun durch eine andere, neue ersetzt. Für manche Kinder bedeutet diese große Umstellung starker Stress, den sie nur dann positiv für sich selbst nutzen können, wenn sie nicht unter Druck gesetzt werden und durch ihre Eltern eine liebevolle Begleitung erfahren.

Eingewöhnung – Unsere persönliche Situation

Ich selbst befinde mich mit meinem Sohn gerade auch in der Eingewöhnung in den Kindergarten. Ich muss feststellen, dass sich an diesem Punkt meine Professionalität und das Mama-sein ein wenig im Wege stehen.  Momentan tut er sich mit dieser großen Veränderung noch sehr schwer und ich spüre, dass mich das verunsichert. In meiner Brust schlagen im Moment zwei Herzen, auf der einen Seite ist es für mich unabdingbar, dass er sich wohlfühlt, denn ansonsten werde ich ihn nicht dort lassen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch ganz pragmatische Gründe, die für den Kindergarten sprechen. Er ist mittlerweile drei Jahre alt und für mich ist es wichtig, nun auch wieder mehr zu arbeiten. Ich habe viele Projekte, die ich gerne ins Leben bringen möchte, das geht aber nur, wenn ich vormittags ein wenig Zeit dafür habe. Meine Beruflichkeit ist von daher natürlich ein wesentlicher Aspekt, ebenso auch die finanzielle Situation.

Aus fachlicher Sicht weiß ich natürlich, wie eine bindungsorientierte Eingewöhnung in Krippe oder Kindergarten auszusehen hat – aber wenn das eigene Mama-Herz mit drin hängt, ist es nochmal eine ganz andere, völlig neue Situation. Aus diesem Grund möchte ich euch in meinem heutigen Artikel bestärken, bei der Suche nach der richtigen Krippe oder Kita achtsam zu sein und nicht gleich die „Erstbeste“ zu nehmen, nur weil, aufgrund mangelnder Plätze, mächtig Druck gemacht wird.

Die Eingewöhnung – Zwischen Loslösung und neuer Beziehung

Wie weiter oben bereits beschrieben, ist der Eintritt in eine außerhäusliche Betreuungssituation für alle Beteiligten eine neue und fremde Situation. Das Kind, welches im optimalen Fall bereits sicher an die Mutter und den Vater gebunden ist, (lies dazu auch: Die sichere Bindung – Teil 12, Sichere Bindung aufbauen3 und Eltern-Kind-Bindung – Teil 24 soll während der Eingewöhnung eine sichere Bindung an seine Bezugs-Erzieherin aufbauen, damit diese in Abwesenheit der Eltern eine „sichere Basis“5 für das Kind sein kann. Das kann nur dann gelingen, wenn es der Erzieherin gelingt, dem Kind emotional zugewandt zu begegnen und eine Beziehung zum Kind aufzubauen.

Viele Eltern haben Angst, dass die Beziehung zu ihrem Kind leidet, wenn sie es in eine Einrichtung zur außerhäuslichen Betreuung geben. An dieser Stelle kann ich alle Mamas und Papas mit dieser Sorge beruhigen, denn: Natürlich ist die Beziehung zu der Mutter elementar, sie sichert das Überleben des Kindes. Diese Beziehung entsteht ganz automatisch in den ersten Lebenswochen und -monaten des Kindes (und natürlich auch schon während der Schwangerschaft). Zunächst hat das Kind Hauptbezugspersonen, meistens Mutter und Vater. Mit zunehmenden Fähigkeiten und Alter entstehen neue Beziehungen – beispielsweise zu den Geschwistern und Großeltern. Wir Menschen sind in der Lage viele verschiedene Beziehungen einzugehen. In der Bindungstheorie spricht man von sogenannten „Bindungshierarchien“. Die Kinder setzen in den einzelnen Beziehungen unterschiedliche Nuancen und können sehr wohl differenzieren. Die Angst, dass die Beziehung zur Mutter mit dem Kita-Eintritt ersetzt werden könnte, ist aus diesem Grund unbegründet. Viel mehr kann diese neue Beziehung als Bereicherung für das Kind gesehen werden. Die Beziehung zur Mutter und zur Erzieherin sind demnach nicht miteinander konkurrierend, sondern ergänzen einander.

Der Erzieherin kommt hier die Aufgabe zu, dem Kind im Kontext der Kita oder Krippe einen zuverlässigen Rahmen zu bieten, in dem sich das Kind sicher fühlen kann und seine Bedürfnisse gesehen und befriedigt werden. „Im Gegensatz zur Mutter-Kind-Beziehung, die je nach Feinfühligkeit der Mutter sowohl einer sicheren oder unsicheren Bindung entsprechen kann, bilden Kinder zu Fachkräften vorwiegend dann bindungsähnliche Beziehungen in guter Qualität aus, wenn diese feinfühlig agieren. Agieren Fachkräfte wenig oder gar nicht feinfühlig, entsteht statt einer unsicheren Bindung meist gar keine Beziehung“ (Ahnert 2004. In: Hörmann 2014: S. 6f.)6

Bindungsorientierte Eingewöhnung – Was sind die wesentlichen Parameter?

Eingewöhnung in die Krippe oder Kita

Beziehung und Bindung sind die wesentlichen Parameter für eine stressfreie Eingewöhnung7

Es gibt mittlerweile einige Modelle, die als Leitfaden für die sanfte Eingewöhnung insbesondere von U-3 Kindern dienen sollen. Hier sind speziell das Berliner- und das Münchener-Modell zu nennen. In beiden Modellen wird der Versuch gemacht, die Kinder individueller zu betrachten und sich am jeweiligen Bindungsverhalten des Kindes zu orientieren. Das bedeutet, dass es erst dann zu einer ersten Trennung kommt, wenn das Kind bereits eine Beziehung zu seiner Bezugsperson im Kindergarten oder in der Krippe aufgebaut hat. Außerdem wird das Kind nicht schreien gelassen „weil es das jetzt mal lernen muss, dass die Mutter ja eh wiederkommt“ oder „weil es nun mal begreifen muss, dass nicht alle nach seiner Nase tanzen.“

Allerdings stecken in diesen Modellen, wenn sich zu sehr dran gehalten wird, natürlich auch immer Stolperfallen, die die Individualität der Kinder eben doch zu kurz kommen lassen. Aus diesem Grund empfehle ich allen Eltern bereits vor der Vertragsunterzeichnung genau nachzufragen, wie die Eingewöhnung im Kindergarten ablaufen wird. Wenn dann gesagt wird, dass die Mutter bereits am zweiten Tag den Kindergarten verlassen soll für etwa eine Stunde, dann würde ich persönlich dort keinen Vertrag unterschreiben.

Wenn wir den Weg der Bindungsorientierung gehen, dann hört dieser ja nicht mit dem Eintritt in die Krippe oder den Kindergarten auf. Vielmehr vertrauen wir unsere Kinder einer (zunächst!) fremden Person an und wir wünschen uns, dass unser Kind sich dort sicher und geborgen fühlen kann. Das heißt für mich konkret:

Worauf sollte ich bereits vor Vertragsunterzeichnung achten?
  • Eine individuelle Eingewöhnungszeit – Gerade bei sicher gebundenen Kindern kann diese mehrere Wochen! dauern
  • Keine frühzeitigen Trennungsversuche – Das Kind signalisiert deutlich, dass es noch nicht bereit ist (Bei Kleineren: anklammern, nachlaufen, weinen; Bei Größeren: Durch Sprache, weinen, anklammern)
  • Das Kind niemals schreien lassen – Nach einem gelungenen Beziehungsaufbau lässt sich das Kind im Idealfall von der Erzieherin innerhalb kurzer Zeit beruhigen (nach der Trennung). Ist dies nicht der Fall (maximal! fünf Minuten) sollte die Mutter zurück in den Gruppenraum und das Kind trösten. Das Vertrauensverhältnis kann ansonsten wirklich beeinträchtigt werden.
  • Die Trennungszeiten langsam verlängern – Staffelung der Trennung ist sinnvoll, das bedeutet erst kürzere Trennungen, dann längere.
  • Auf Signale des Kindes achten – Findet das Kind ins Spiel wenn die Mutter abwesend ist? Nimmt es Kontakt zur Betreuerin und den Kindern auf? Ist es gelöst und fröhlich? Fühlt es sich sichtlich wohl? Oder wirkt es eher gedrückt, gestresst oder überfordert?
  • Wie ist der Betreuungsschlüssel? Insbesondere im U-3 Bereich sollten auf eine Betreuerin nicht mehr als maximal 3 zu betreuende Kinder kommen!

Besonders der letzte Punkt ist wichtig, denn nicht alle Kinder reagieren mit schreien und anklammern. Es gibt auch Kinder, die sich „ihrem Schicksal fügen“, ruhig sind und zunächst nicht gestresst wirken. Aber auch ein zu ruhiges Kind sollte aufmerksam machen. Natürlich gibt es hier auch immer Verhaltensunterschiede und unterschiedliche Strategien, mit Stress umzugehen, aber nicht selten steckt hinter dem sehr ruhigen Verhalten ein ungesehener Kummer.

Enger Kontakt zur Betreuungsperson fördert auch die Eltern-Erzieher-Beziehung

Ein weiterer wesentlicher Aspekt bei der Suche nach einer geeigneten Kita oder Krippe ist die Offenheit der Betreuungspersonen. Man spürt relativ schnell, ob es erwünscht ist, dass die Eltern das Kind die erste Zeit begleiten oder ob es die Erzieherinnen ziemlich schnell als (sehr!) störend empfinden. Auch hier hilft nur, darüber zu sprechen, wie unsere konkrete Vorstellung von der Eingewöhnung ist. Wir können dies bereits vor Vertragsunterzeichnung besprechen. Was immer gut ist, ist vorher mal mit dem Kind einen Vormittag zu hospitieren. Ein guter Kindergarten ist dafür offen und lässt die Eltern mit ihren Kindern schnuppern. Hierbei bekommt man bereits einen sehr viel besseren Eindruck darüber, wie mit den Kindern umgegangen wird:

  • Ist die Kommunikation achtsam? Ist der Umgang liebevoll und wertschätzend? Werden die Kinder in ihren Gefühlen gespiegelt und ernstgenommen?
  • Gibt es Strafen? Beispielsweise den „Stillen Stuhl“ oder andere Formen der Isolation?
  • Gibt es Regeln, wie feste Essens- und (vor allem!) Trinkenszeit oder dürfen die Kinder zu jeder Zeit essen und trinken?
  • Wie werden Konflikte zwischen den Kindern gelöst?
  • Gibt es viel Freispiel oder wird viel angeleitet?
  • Sind die Kinder täglich draußen? Dürfen sie sich auch mal dreckig machen?
  • Wird auch mal Nähe zum Kind zugelassen oder sind die Erzieherinnen distanziert?

Diese und weitere Fragen sollten vor der Vertragsunterzeichnung geklärt werden, besonders wenn einem der achtsame Umgang mit dem eigenen Kind wichtig ist. Natürlich gibt man mit dem Eintritt in Krippe und Kita die Erziehung ein Stück weit in andere Hände – wenn bei der Suche nach der richtigen Kita/Krippe jedoch achtsam vorgegangen wird, dann kann dies für das Kind tatsächlich auch eine Bereicherung sein. Die Kinder erleben neue Entfaltungs- und Entwicklungsräume, an denen sie wachsen dürfen.

Außerhäusliche Betreuung als Wachstumschance

Die außerhäusliche Betreuung wird häufig recht negativ betrachtet – besonders von Eltern, die bindungsorientiert und achtsam mit ihren Kindern umgehen. Ich persönlich denke, dass es wichtig ist, mit den Erzieherinnen in Kontakt zu gehen und eine Beziehung aufzubauen. Von hier aus können gemeinsam neue Wege beschritten werden. Das ist für alle hilfreich und nur so können sich auch die Kindergärten und Krippen wieder weiter entwickeln. Wenn wir uns als Eltern den Erzieherinnen wertschätzend gegenüber einbringen, dann ist die Chance da für Veränderung.

Wir haben momentan die Möglichkeit vor Ferienbeginn jeden Tag in den Kindergarten zu kommen und mein Sohn kann in meinem Beisein schnuppern und sich immer mehr von mir lösen. Es wird so deutlich, wie dieser Prozess langsam aber sicher immer mehr in Gang kommt und es sich immer sicherer in dieser völlig neuen Umgebung fühlt. Ich bin dankbar dafür, dass wir die Möglichkeit haben, ihn so langsam einzugewöhnen und sehr zuversichtlich, dass er sich auf diese Weise schon bald sehr wohl dort fühlen wird. Das aller wichtigste zum Schluss: Wie weiter oben bereits gesagt – wir vertrauen unser Kind der Einrichtung an! Lasst euch niemals von den betreuenden Personen unter Druck setzen. Hört auf euer Herz und achtet auf eure Kinder. Macht nicht den zweiten vor dem ersten Schritt und orientiert euch immer an den Signalen eurer Kinder. Ihr wisst am Besten, was euer Kind braucht!

In diesem Sinne hoffe ich, dass der Artikel für euch hilfreich war und ihr einige Tipps für euch und eure Suche nach der geeigneten Einrichtung umsetzen könnt.

Eure Kira

P.S.: Hast du Stress mit der Eingewöhnung deines Kindes in Krippe oder Kita? Dann kontaktiere mich und wir vereinbaren ein kostenloses Erstgespräch!8.

Oder fühlst du dich häufiger überfordert und gestresst im Umgang mit deinem Kind? Dann lade dir den kostenlosen Ratgeber „Fünf einfache Schritte für weniger Stress und Überforderung mit deinem Kind9 runter.

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Empfohlene Literatur

Eingewöhnung in Kita & Tagespflege – Aber richtig!

Blitztipps zur liebevollen Eingewöhnung

Quellen

Kira.Schlesinger

Über den Autor

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

Kira.Schlesinger

Über uns Kira.Schlesinger

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

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