Baby tragen – Soll ich mein Baby tragen?

Pro und Contra

Baby tragen - Das kann schon mal eine Belastung für den Rücken sein

Baby tragen – Sowohl so als auch beim Tragen im Tuch kann es schon mal zu Rückenschmerzen kommen

Das Tragen unserer Babys hat in den letzten Jahren wachsenden Zuspruch erfahren dürfen. War es vor ein, zwei Jahrzehnten noch als „Öko“ verschrien, wird es heute zunehmend immer moderner. Es entstehen immer neue Firmen, die ihre Tücher und Tragen anbieten und auch auf den Straßen sieht man sie immer mehr – Die Mama, die ihr Kind trägt. Und manchmal sogar der Papa…! In diesem Artikel werden Pro und Contra sowie die gängigen Vorurteile vom Baby tragen ausführlich näher beleuchtet. Außerdem werden natürlich auch die Vorteile des Baby tragen näher betrachtet. Beginnen möchte ich mit zwei möglichen Contra-Punkten.

Das Tragen kann Rückenschmerzen verursachen

Dies ist eine häufige und verständliche Befürchtung vieler Eltern. Fakt ist, je eher man beginnt, sein Baby zu tragen (also dann, wenn es noch sehr leicht ist), desto besser kann der Rücken diese neue Belastung verkraften. Die Rücken- und Bauchmuskulatur wird durch das regelmäßige Tragen des Babys gestärkt und wächst mit zunehmendem Gewicht des Kindes mit. Dadurch können auch schwerere Kinder noch in Tuch oder Trage getragen werden. Natürlich gibt es Frauen für deren Rücken das Baby tragen eine große Belastung darstellt, da sie bereits vorher Rückenschmerzen hatten. Besonders ein vorhandenes Hohlkreuz kann hier zu Problemen führen. Dieses wird durch das vor dem Bauch getragene Tuch verstärkt. Fritz Uwe Niethard (Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirugie un der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie) beschreibt für das optimale, Rücken entlastende Baby tragen folgendes:

„Für alle Lasten gilt: Sie sollten möglichst nah am Körper getragen werden. Entscheidend ist aber auch die zeitliche Belastung der Wirbelsäule und der Muskulatur. Wird das Kind wechselseitig mal auf der Seite, mal vorn oder auf dem Rücken getragen, kann es die Muskulatur gut vertragen. Das dauerhafte Tragen auf dem Bauch beansprucht aber die Rückenmuskulatur und das Tragen auf dem Rücken wiederum die Bauchmuskulatur.“1

Es versteht sich von selbst, dass das Baby tragen nur dann sinnvoll ist, wenn es für Beide (Mutter und Kind) angenehm ist. Hat die Mutter starke Schmerzen, sollten diese natürlich orthopädisch abgeklärt werden. Nach einer Schwangerschaft ist die Bauchmuskulatur sehr locker. Durch gezieltes Training kann diese wieder gestärkt werden. Das häufige Wechseln der Trageposition kann an dieser Stelle ebenfalls hilfreich sein. So kann man abwechselnd vorne, seitlich und hinten sein Baby tragen. Wichtig ist, dass es bequem ist.

Das binden des Tuches ist zunächst einmal kompliziert

Es ist wahr, dass es zunächst nicht ganz einfach ist, ein Tuch zu binden und es zunächst erlernt werden muss. Ich habe aus diesem Grund bereits hier einen ausführlichen Artikel über die Vorteile einer (guten) Trageberatung geschrieben. Es bedarf ein wenig Übung, um das Baby richtig in das Tuch zu binden. Eine andere Möglichkeit sind die Babytragen, die es mittlerweile in vielen verschiedenen Designs und Ausführungen gibt. Hier sollte jedoch darauf geachtet werden, dass diese aus Tragetuchstoff sind und dass der Steg individuell anpassbar ist. Besonders für Eltern, denen das Tuch binden zu umständlich ist können mit den Babytragen eine gute und schnelle Alternative finden.

In den bisherigen Ausführungen wurde deutlich, dass es durchaus Contra-Aspekte in Bezug auf das Baby tragen gibt. Diese sind jedoch sehr subjektiv und gelten sicherlich nicht für jede Mutter oder jeden Vater. Wenn wir uns fragen, warum und ob wir unser Baby tragen sollen, dann hilft es einen Blick in unsere Vergangenheit zu werfen. Wir werden feststellen, dass die menschlichen Säuglinge und Kleinkinder immer getragen wurden und erst seit kürzester Zeit geschoben werden. Denn:

Der Mensch ist ein Tragling!

Baby tragen - Auch Väter können ihr Baby tragen

Baby tragen – Das Tragen unterstützt den Bindungsaufbau zwischen Papa und Baby

Bis in die 70er Jahre galt der menschliche Säugling als eine „Mischung“ aus Nesthockern und Nestflüchtern.  Doch dann wurde ein neuer Jungentypus eingeführt – der Tragling! Ähnlich wie die Affen oder auch die Beuteltiere (Känguru, Koala) gehören auch die Menschen zu den Traglingen. Während die Kängurus und die Koalas aber passive Traglinge sind (sie sitzen im Beutel), gehören die Menschen (ebenso wie die Affen) zu den aktiven Traglingen. Das bedeutet, dass ein Säugling es erwartet getragen zu werden, wenn er geboren worden ist. Das macht auch Sinn, wenn man einmal einige Jahrtausende zurückschaut. Damals waren die Menschen noch Nomaden und es gab viele gefährliche Tiere, die nur darauf warteten, dass irgendwo ein hilfloses Wesen rumlag…! Der sicherste Ort für jedes Baby war nah bei der Mutter. Und da diese die meiste Zeit wanderte, war es sinnvoll, ihr Kind zu tragen! Die Reflexe, die bei den ersten U-Untersuchungen kontrolliert werden, stammen genau aus dieser Zeit. So haben sich die Babys früher im Fell ihrer Mütter festgeklammert. Dies haben wir mittlerweile zwar nicht mehr, aber es ist immer noch in unseren Kindern angelegt. Die Säuglinge von heute (und dies gilt übrigens nicht nur für das Tragen, sondern beispielsweise auch für das Schlafen oder Stillen) wissen noch nicht, dass wir heute nicht mehr den Säbelzahntiger oder die hungrige Hyäne befürchten müssen. Sie wissen nicht, dass sie in ihrem Bett sicher sind und dass das Babyphon daneben steht, so dass die Eltern jeden Ton überwachen können. Ein Säugling erwartet, nah bei seinen Eltern zu sein! Wäre er das damals nicht gewesen, wäre die Menschheit längst ausgestorben. Der menschliche Säugling ist also ein Tragling… und dennoch sehen wir sie an jeder Ecke: Die Babys im Kinderwagen! Wir sollten uns bewusst machen, dass dies ein sehr neues Phänomen ist. Kinder wurden die gesamte Menschheitsgeschichte getragen – und seit gerade einmal knapp 150 Jahren gibt es den Kinderwagen. Herbert Renz-Polster beschreibt das in seinem Buch: Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. sehr ausführlich.2.Und trotzdem wird das Tragen eher für „Öko“ gehalten. Modern ist es, sein Kind zu schieben! Im Folgenden werden gängige Vorurteile näher beleuchtet:

Vorurteile – Das Baby kann in der Trage nichts sehen

Baby tragen - Von hier aus kann ich die Welt erkunden

Baby tragen – Bei Mama auf dem Rücken kann das Baby viel sehen und fühlt sich dennoch sicher und geborgen

Nun, das Kind sieht in einer Trage durchaus eine Menge und sollte dem einmal nicht so sein, kann Mama sich auch einfach so drehen, dass das Baby das Objekt der Begierde eben gut sehen kann. Im Tuch kann es auch bereits kurz nach der Geburt im einfachen Rucksack auf den Rücken gebunden werden und kann von dort aus dann über die Schulter der Mutter schauen. Doch müssen Neugeborene denn überhaupt so viel sehen? Ein klares: nein! Die ganz Kleinen haben noch genügend damit zu tun, überhaupt erst einmal in unserer Welt anzukommen. Sie sind schnell überreizt und brauchen oft noch den Rückzug. Wo könnte man ihn besser bekommen, als bei Mama an der Brust, eng an sie gekuschelt?  Überreizte Kinder weinen übrigens abends vermehrt um den Stress des Tages wieder loszuwerden. Das ist weder für die Eltern noch für das Baby sehr angenehm!

Wenn die Kinder dann einige Monate alt sind, sieht man häufig, dass sie vorwärtsgerichtet in der Trage „hängen“. Erstens ist das (unter anderem) für die Hüftreifung nicht optimal und von den Trageberaterinnen wird aus diesem Grund davon ganz klar abgeraten (es gibt noch weitere Gründe) und zweitens hat das Baby nun absolut keine Chance mehr, sich zurückzuziehen, wenn es ihm zu viel wird.

Richtig Tragen bedeutet also immer zur Mama gerichtet und niemals von ihr weg. Sehen können die Kleinen auch so eine Menge und vor allen Dingen bekommen sie dadurch selbst ein Gespür dafür, wann sie etwas sehen wollen und wann sie lieber nichts sehen wollen und Rückzug benötigen.

Das Baby tragen ist ungesund für die Hüfte und die Wirbelsäule

Dies ist ein Irrglaube. Bei der Geburt eines Kindes sind sowohl die Hüfte als auch die Wirbelsäule noch nicht fertig ausgereift. Die Hüftgelenkspfanne umschließt bei einem Neugeborenen den Oberschenkelhalskopf lediglich zu 2/5, wenn diese fertig ausgereift ist umschließt sie ihn zu 3/5. Zu Beginn sind die Strukturen der Hüftgelenkspfanne noch knorpelig, sie können besonders gut reifen und verknöchern, wenn sie immer wieder verschiedenen Bewegungsreizen, Druck und Reibungen ausgesetzt sind. Beim Liegen in einem Kinderwagen, Bettchen oder einer Wippe sind diese Bewegungsreize statisch und es werden immer die gleichen Reize ausgeübt. Das Kind nimmt immer wieder die gleiche Haltung ein und dies verhindert die wichtigen verschiedenen Bewegungsmuster. Beim Tragen herrschen optimale Bedingungen für die Hüften und ihrer Reifung. Das Kind muss hierbei die Bewegungen der Mutter immer minimal mitmachen und auch mal Gewichtsverlagerungen ausgleichen. Diese Bewegungen führen dazu, dass der Oberschenkelkopf in der Gelenkspfanne bewegt wird unddurch diese Reize wird die Verknöcherung positiv beeinflusst.

Baby tragen - Sicher und geborgen bei Mama

Baby tragen – Ist das Tragetuch richtig gebunden unterstützt es die Hüftreifung und die Aufrichtung der Wirbelsäule.

Die Wirbelsäule des Kindes ist zu Beginn noch relativ rund (Totalkyphose) und erst mit der Geburt beginnt die langsame Aufrichtung. Im Alter von etwa 3-5 Monaten beginnt das Kind sich in den Unterarmstütz zu begeben, die Halswirbelsäule hat sich aufgerichtet (Halslordose). Wenn sich die Wirbelsäule bis in den Brustbereich aufgerichtet hat, ist es in der Lage sich selbständig hinzusetzen. Meistens passiert dies durch das abrollen oder wippen aus dem Vierfüßlerstand. Wenn die Kinder sich selbständig hinsetzen dürfen sie von nun an so lange sitzen, wie sie mögen. Die Bandscheiben zwischen den einzelnen Wirbeln sorgen dafür, dass Stöße und Drehbewegungen wie ein Stoßdämpfer abgepuffert werden. Dadurch wird verhindert, dass die einzelnen Wirbel aufeinanderprallen oder -reiben. Im Liegen jedoch können die Bandscheiben keinerlei Stöße abfedern. Wird ein Kind im Kinderwagen über Stock und Stein geschoben, wird jeder „Hubbel“ direkt auf die Wirbel übertragen.

Sowohl die Hüfte als auch die Wirbelsäule sind demnach dafür gemacht, getragen zu werden. Das Schieben im Kinderwagen hingegen ist weder für die gesunde Entwicklung von Hüfte noch von Wirbelsäule hilfreich.

Kinder, die getragen werden, lernen später zu laufen

Wie bisher ausführlich beschrieben worden ist, ist das Tragen für die gesunde anatomische Entwicklung eines Kindes gut und wichtig. Wann ein Kind laufen lernt, ist vollkommen individuell und es gibt in diesem Bereich ein weites Zeitfenster. Manche Kinder beginnen bereits mit 10 Monaten zu laufen, andere hingegen erst mit 18 Monaten. Beides ist Normal. Durch das Tragen kann das Kind im anatomischen Körperwachstum gut unterstützt werden und letztendlich lernt jedes (gesunde!) Kind irgendwann zu laufen.

Klare Vorteile – Das Baby tragen unterstützt alle Sinne

Beim Tragen werden alle Sinne angesprochen. Das Kind hilft beim Getragen-werden mit seinem Körper mit, es riecht die Mama, spürt sie, hört sie und fühlt sie. Es nimmt ihre Stimmung wahr und kann aus diesem geschützten Raum sowohl mit ihr als auch mit anderen Menschen in Kontakt treten. Das Baby nimmt beim Tragen seine Umgebung in seiner Gesamtheit wahr und fühlt sich gleichzeitig bei Mama oder Papa sicher und geborgen. Die US-amerikanischen Kinderärzte Hunziker und Barr haben in einem klassischen Experiment zeigen können, dass getragene Babys deutlich weniger weinen als nicht-getragene. Über den Tag verteil weinten die getragenen Babys um 43% weniger, als die Kontrollgruppe der nicht-getragenen Babys. Und das abendliche weinen war sogar um 51% reduziert.3

Tragen stärkt die Bindung zur Mutter oder zum Vater

Ich gehe an anderer Stelle  bereits ausführlich auf den Aufbau einer sicheren Eltern-Kind-Bindung ein. Durch das Tragen erfährt das Kind Nähe, Geborgenheit und Sicherheit. Sein Grundbedürfnis nach Bindung wird durch das Tragen gestillt. In einem aufwändigen wissenschaftlichen Experiment konnte gezeigt werden, dass das Baby tragen die Bindung zwischen Mutter und Baby fördert und stärkt. So bekamen 25 zufällig ausgewählte, sozial benachteiligten Müttern und ihre Babys einen Tragesack. Die andere Gruppe bestand ebenfalls aus 25 zufällig ausgewählten Müttern und ihren Kindern, sie bekamen gepolsterte Trageschalen. Alle Mütter wurden im ersten Lebensjahr begleitet, die Kinder wurden im Hinblick auf ihre Entwicklung untersucht und es wurde immer wieder der Umgang zwischen ihnen beobachtet. Die Mütter, die ihre Babys trugen, wurden bereits nach wenigen Monaten sensibler im Umgang mit ihren Kindern. Letztendlich hatten von den getragenen Kindern nach einem Jahr 83% eine sichere Bindung zu ihren Müttern aufgebaut, von den nicht getragenen Babys waren es gerade mal 38%.2

Fazit

In diesem ausführlichen Artikel wurden die Vor- und Nachteile sowie die gängigen Vorurteile gegenüber dem Baby tragen näher beleuchtet. Deutlich wurde, dass es zwar einige wenige Nachteile gibt, beispielsweise wenn die Mutter starke Rückenschmerzen bekommt, die Vorteile aber deutlich überwiegen. Auch wenn sich die Vorurteile gegenüber dem Tragen bis heute hartnäckig halten: Sie sind nicht wahr! Stattdessen fördert das Baby tragen die Entwicklung von Hüfte und Wirbelsäule, es regt alle Sinne an und stärkt die Eltern-Kind-Bindung. Der menschliche Säugling ist zudem ein Tragling, das bedeutet, dass er es physiognomisch erwartet getragen zu werden. Von hier aus können die Kinder entsprechend ihrer Stimmung entweder in Kontakt gehen, die Umgebung erkunden und schauen oder sie ziehen sich zurück und fühlen sich sicher und geborgen.

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Empfohlene Literatur

Quellen

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