Kurz gefragt: 3 Tipps für den Umgang mit Geschwisterstreitigkeiten

Drei Tipps für den Umgang mit Geschwisterstreitigkeiten – Der neue Artikel aus der Rubrik „Kurz gefragt“. Ich danke euch für die zahlreichen Zusendungen eurer Themenwünsche und bitte euch daher um etwas Geduld, ich bemühe mich so viele Fragen wie möglich zu beantworten! Hast du auch eine Frage, die ich in der Rubrik „Kurz gefragt“ in einem ausführlichen Artikel beantworten soll? Dann reiche hier deinen Wunsch ein!

Ich habe drei Kinder, zwei Jungs (4 und 6 Jahre) und ein Mädchen (4 Jahre). Die Jungs haben sich oft in den Haaren. Da wird getreten und z.T. auch noch gebissen. Ich bin davon oft sehr genervt und habe mir nun angewöhnt, einfach das Schlachtfeld zu verlassen und wenn sie sich wieder beruhigt haben, kann ich die „Verletzten“ trösten. Es kommt natürlich auf meine Tagesverfassung an, wie ich reagiere und da muss ich wohl an mir arbeiten.

Geschwisterstreitigkeiten gehören zum Alltag dazu

Geschwisterstreitigkeiten – Konflikte gehören zum Familienalltag dazu1

Geschwisterstreitigkeiten können wirklich anstrengend und herausfordernd für die Eltern sein. Nicht selten gehen sie mit einer ziemlichen Lautstärke, viel Geschrei und Weinen einher. Wenn diese täglich, vielleicht sogar mehrfach vorkommen, dann können die elterlichen Nerven schon arg strapaziert werden. Verständlich ist auch,  dass die eigene Reaktion stark abhängig ist, von der eigenen Tagesverfassung. Der folgende Artikel kann an dieser Stelle vielleicht ein wenig Entspannung bringen.

Geschwisterstreitigkeiten – Sind diese Aggressionen normal?

Gleich vorneweg: Geschwisterstreitigkeiten sind völlig normal! Besonders Jungs müssen immer wieder sicher gehen, dass die interne Hierarchie auch wirklich noch steht. Das tägliche miteinander raufen dient dazu, diese interne Hierarchie immer wieder zu festigen. Mädchen legen Hierarchien eher subtiler fest. Viele Eltern haben – angesichts der oft starken Auseinandersetzungen zwischen den Geschwistern – die Sorge, dass aggressive Kinder eines Tages auch gewalttätige Jugendliche sein werden. Dem ist jedoch nicht so! Jesper Juul schreibt dazu:

Doch selbst wenn Kinder brüllen, schreien und ihre Eltern um Unterstützung bitten, sollte man eins wissen: Kinder nehmen das Schlagen, Rangeln, Stoßen und die harschen Worte nicht so ernst. Der Wettstreit hört für gewöhnlich auf, wenn das erstgeborene Kind oder die beiden älteren Kinder in die Pubertät kommen – wenige Jahre später können sie sich an das Drama gar nicht mehr erinnern.

Diese Art von Aggression und Gewalt hat Wettbewerbscharakter und ist zudem ein Ausdruck von Liebe – das hilft Geschwistern eine lebenslange Intimität, gegenseitige Loyalität und Wärme zu entwickeln. Selbstverständlich wünschen sich viele Eltern, ihre Kinder könnten direkt bei der Liebe und Loyalität landen. Das geht jedoch nicht! 2

Aggressionen gehören zum Leben dazu. Bereits ein sechs Monate alter Säugling verfügt über eine nicht-destruktive Aggression, die ihn dazu befähigt, die Umgebung zu erkunden und die ersten Bewegungen von der Mama weg zu unternehmen. Jesper Juul beschreibt deutlich, dass Geschwisterstreitigkeiten wichtig für die Beziehung zwischen den Geschwistern sind und sich nicht negativ auf die Beziehung zwischen ihnen auswirkt. Aggressionen sind in unserer Gesellschaft stark tabuisiert und natürlich wünschen wir Eltern uns Ruhe und Harmonie im Familienalltag. Allerdings ist das tatsächlich völlig unrealistisch, wenn mehrere Kinder zur Familie gehören. Leben wir in Gemeinschaften, dann treten auch zwangsläufig Konflikte auf. Konflikte gehören zum Leben dazu und sind für die persönliche Weiterentwicklung sehr wichtig. Kinder lernen so auch Dinge auszuhandeln, Kompromisse einzugehen und Lösungsstrategien zu entwickeln.

Wie kann ich auf die Geschwisterstreitigkeiten reagieren?

Im Folgenden gebe ich dir drei Tipps an die Hand, wie du den Geschwisterstreitigkeiten deiner Kinder lockerer begegnen kannst:

Greife so wenig ein, wie möglich!

Wenn du dich ständig in die Konflikte deiner Kinder einmischst (vorausgesetzt natürlich, es handelt sich nicht um einen Säugling, der natürlich deines Schutzes bedarf!), suggerierst du ihnen, dass du die Verantwortung für ihre Kämpfe übernimmst. Sie können so nicht lernen, selbst Lösungen für ihre Konflikte zu finden. Durch dein Interagieren störst du den Lernprozess deiner Kinder selbständig Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Wenn du dich ständig in die Konflikte deiner Kinder einmischst, kann es passieren, dass sich die Konflikte auf eine andere Ebene verschiebt – und hier dann sehr viel schwerer zu lösen sind.

Wenn ein Kind um Hilfe bittet, dann biete Unterstützung

Ruft eines deiner Kinder nach deiner Hilfe, dann biete ihm deine Unterstützung an. Allerdings nicht in der Form des Richters oder Schlichters, sondern als Vermittler. Hat es Blessuren davon getragen, dann verbinde diese und tröste dein Kind.

Vermeide Bewertungen oder Anklagen

Verzichte unbedingt auf Sätze wie: „Was ist denn nun schon wieder los? Könnt ihr euch denn nicht einmal vertragen? Muss ich ständig eingreifen? Könnt ihr nicht einfach mal lieb zueinander sein? Was ist nur los mit euch? Könnt ihr nicht einfach mal auf mich hören? Ständig seid ihr so laut! Begreife doch endlich mal, dass er der Kleinere von euch beiden ist! Nimm doch endlich mal Rücksicht!“ Und so weiter, und so fort. Solche Sätze führen dazu, dass die Kinder in ihrer Integrität geschwächt werden. Es ist eine anklagende Sprache, die den Kindern deutlich macht, dass sie falsch sind, so wie sie sich gerade verhalten. Schuldzuweisungen führen unweigerlich dazu, dass das Kind sich schuldig und verantwortlich fühlt – und zwar für die Gefühle seiner Mutter oder seines Vaters. Wenn wir Eltern nicht in der Lage sind, Verantwortung für unsere Gefühle zu übernehmen, dann tun es unsere Kinder – mit zum Teil fatalen Folgen! Lese hierzu auch: Achtsame Beziehung zum Kind = Grenzenlosigkeit?3

Was bedeutet das nun konkret? Ich möchte es an einem kleinen Beispiel deutlich machen:

Max (8) und Jonas (6) spielen zusammen im Wohnzimmer. Die Mutter der beiden ist in der Küche und kocht. Plötzlich hört sie aus dem Nebenzimmer, wie Jonas brüllt: „Das ist MEIN Spielzeug, gib es mir sofort zurück!“ Worauf Max zurück ruft:“ Nö, du kleiner Pupsi. Ich bin eh viel größer als du, da kommst du eh nicht dran. Ääääätschibäääätsch!“ Jonas ruft: „Mamaaa, der Max hat mir meinen Laster weggenommen!!!“ Die Mutter geht nach nebenan und sieht, wie Jonas sich auf seinen älteren Bruder stürzt und versucht, das Spielzeug aus der Hand zu reißen. Der Ältere wehrt ihn ab, indem er ihn schubst. Jonas beginnt zu weinen und ruft: „Du bist sooo gemein! Mamaaaa, Max hat mich geschubst!“

Wenn die Mutter nun hinzu kommt, geht sie runter in die Hocke, legt ihrem weinenden Sohn einen Arm auf die Schulter und fragt ihn: „Hast du dir weh getan?“ Er antwortet darauf: „Jaaaa, der Blödmann hat mich geschubst!“ Die Mutter nimmt ihren Sohn in den Arm und sagt dann zu beiden: „Ich habe mitbekommen, dass ihr beide mit dem Laster spielen möchtet. Habt ihr eine Idee, wie ihr das hinbekommen könnt?“ Der ältere Sohn antwortet: „Ich will jetzt auch mal mit dem Laster spielen, die ganze Zeit hatte Jonas ihn.“ Worauf Jonas antwortet: „Stimmt doch gar nicht. Außerdem ist es meiner!“ Darauf antwortet Max: „Ja, und? Du spielst ja auch immer mit meinen Sachen.“ Die Mutter sagt: „Ich verstehe, dass ihr beide mit dem Laster spielen möchtet. Der ist auch wirklich toll. Würde es euch helfen, wenn ihr euch abwechselt und wir dabei gemeinsam immer auf die Uhr schauen? Jeder spielt zehn Minuten und dann ist der andere dran?“ Die beiden rufen „Oh ja, das ist eine gute Idee, Mama!“ Sie nimmt die beiden an die Hand, holt eine Uhr und gemeinsam handeln sie aus, wer wann dran ist. Danach spielen sie in Ruhe weiter im Wohnzimmer und wechseln sich nach der vereinbarten Zeit selbständig ab.

Geschisterstreitigkeiten bedüfnisorientiert und achtsam begleiten

Geschwisterstreitigkeiten können wertschätzend und achtsam begleitet werden4

Natürlich handelt es sich bei dieser beschriebenen Lösung nur um eine Möglichkeit – es gibt eine Vielzahl an Varianten, wie Geschwisterstreitigkeiten gemeinsam gelöst werden können. Es wird aber deutlich, dass die Mutter nicht eingreift um einen „Schuldigen“ zu finden, sondern um den Konflikt zwischen den beiden zu begleiten und gemeinsam eine Lösung zu finden. Sie begegnet beiden Kindern wertschätzend und liebevoll, ohne aber zu bewerten oder zu urteilen über die Worte die gesagt oder die Handlungen, die ausgeführt worden sind.

In diesem, von mir beschriebenen Fall, hat die Mutter „eingegriffen“, in dem sie ins Wohnzimmer gegangen ist, nachdem ihr jüngerer Sohn nach ihr gerufen hat. Wenn die Nerven irgendwann aufgrund der Geschwisterstreitigkeiten mal sehr strapaziert sein sollten, könnte sie auch folgendes zu ihren Kindern sagen: „Ich habe gerade das große Bedürfnis nach Ruhe. Mir ist es hier gerade zu laut und aus diesem Grund gehe ich für einen Moment in ein anderes Zimmer. Solltet ihr meine Hilfe und Unterstützung brauchen bin ich nebenan. Allerdings bin ich mir sicher, dass ihr den Konflikt auch selbständig gelöst bekommt.“ Auf diese Art und Weise signalisiert die Mutter zum einen, dass sie ihr eigenes ihr Bedürfnis nach Ruhe achtet – welches ja völlig legitim ist – und zeigt den Kindern aber gleichzeitig auch, dass sie ihnen vertraut, selbständig Lösungsstrategien zu finden. Falls sie es nicht alleine gelöst bekommen sollten, wissen die Kinder, wo sie ihre Mutter finden können.

Nochmal zusammengefasst bedeutet das Folgendes: Wir sollten unseren Kindern vertrauen, dass sie auch selbständig Lösungsstrategien finden können. Wenn wir das Bedürfnis haben einzugreifen, dann sollten wir dies auf eine wertschätzende und verständnisvolle Art und Weise tun, die frei ist von Verurteilungen und Bewertungen. Wir sind nicht der Richter, der den Schuldspruch spricht, sondern vielmehr ein Vermittler. In Konfliktsituationen geht es darum, ruhig zu bleiben und mit den Kindern gemeinsam mögliche Lösungsstrategien zu finden. Unter den Buchempfehlungen findet ihr ein paar spannende Bücher, in denen der Umgang mit Konflikten im Familienalltag auch näher beleuchten. Außerdem könnt ihr euch meinen kostenlosen Ratgeber „Fünf einfache Schritte für weniger Stress und Überforderung im Umgang mit deinem Kind5 runterladen.

Solltest du ähnliche Schwierigkeiten im Familienalltag erleben und dich schnell ausgelaugt und überfordert fühlen, dann kontaktiere mich gerne für ein kostenloses Coaching-Erstgespräch.6 Bereits wenige individuelle Coachings können dir dabei helfen, in solchen herausfordernden Situationen gelassener zu bleiben und die richtigen Worte zu finden.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen entspannten Sonntag mit euren Familien!

Eure Kira!

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Empfohlene Literatur

Quellen

Kira.Schlesinger

Über den Autor

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

Kira.Schlesinger

Über uns Kira.Schlesinger

Kira Schlesinger ist Sozialpädagogin und Mutter. Sie interessiert sich insbesondere für bedürfnisorientierte Erziehung und hat sich intensiv in diesem Bereich weitergebildet. Eines ihrer Kernanliegen ist es (werdende) Eltern im sicheren Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen. Ausbildungen zur Trage- und Stillberaterin, zahlreiche Fortbildungen im Coaching Bereich und ihr Erfahrungsschatz bilden die Grundlage für realitätsnahe und alltags orientierte Beratung...mehr

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